Samuel Weiß inszeniert "Die Schneekönigin" von Christian Andersen im Residenztheater

Mit heißem Herz locker-bairisch-heiter

von Gabriella Lorenz

Im Frostpalast. Arnulf Schumacher als König. Foto: David Baltzer

So ein Pech: Die Drehbühne will sich nicht drehen. Damit sie keine Stehbühne bleibt, ermuntern zwei Bühnenarbeiter in schönstem Bairisch das Publikum zur Mithilfe. Kaum haben sich alle zur Seite gelehnt, setzt sich die Drehscheibe in Bewegung. Mit diesem Pannen-Gag beginnt im Residenztheater „Die Schneekönigin“. Samuel Weiß inszenierte Hans Christian Andersens Märchen in einer Fassung des russischen Dichters Jewgeni Schwarz. Weiß bietet alles auf, was ein Familienstück (für Kinder ab 6) braucht, und das fügt sich zu durchaus märchenhafter Unterhaltung.

Auf der Drehbühne von Ralph Zeger steht ein großer Guckkasten mit wechselndem Innenleben: Zunächst ist das die einfache Wohnstube der Großmutter (Christiane Roßbach), die liebevoll ihre Enkelin Gerda und den elternlosen Kai großzieht. Man ist arm, aber glücklich, und bei so viel Liebe blüht der Rosenstock auch im Winter. Diese Idylle stört ein böser Kommerzienrat, der nicht glauben kann, dass die Großmutter auch für viel Geld die Rosen nicht verkauft. „Ich bin der Kapitalismus in Gestalt“ singt Paul Wolf-Plottegg und steigt dabei über Tisch und Stühle. „Der klingt wie ein Neoliberaler“, flüstert Kai. Was das sei, fragt Gerda. „Ein schlechter Mensch.“ So zieht der Regisseur Weiß mit den hinzugeschriebenen Liedern  wie auch mit „Hamlet“-Zitaten eine Ebene für Erwachsene ein.

Doch das Märchen muss seinen Lauf nehmen: Im fantastischen Glitzerkleid der Schneekönigin (Kostüme: Heide Kastler) singt der Countertenor David Cordier „Küsse mich“. Der Kuss vereist Kais Herz, er folgt der Schneekönigin in ihren Frost-Palast. Aus dem will ihn Gerda  erretten. Ihre Odyssee in die Kälte verschlägt sie an einen Königshof, wo ein komisches Kunstpuppen-Pärchen (Valerie Pachner und Sierk Radzei) sich das Reich mit dem Königs-Papa (Arnulf Schumacher) teilt. Wehe, man übertritt die Grenze, die ein zersägter Thron und Absperrungsbänder markieren, dann schrillen Alarmsirenen. Die Kinder im Publikum warnen Gerda laut - vergeblich.

Gerda läßt das Eis schmelzen. Sierk Radzei (Kai), Marie Seiser (Gerda). Foto: Thomas Dashuber

Dann fällt sie unter die Räuber mit Christiane Roßbach als hinreißender Bandenchefin. Die punkige Räubertochter (Valerie Pachner) überlässt Gerda ihr Rentier (mit Lämpchen am Geweih) zur Flucht. Im Eispalast - ein Lamettavorhang reicht dafür - muss Gerda erst den zum Nerd abgedrifteten Kai aus einem Frostblock auftauen, ehe auch die Kälte-Herrscherin vor Gerdas heißem Herzen kapituliert. Diese unbeirrbare Gutmenschin spielt Marie Seiser mit emotionaler Glut. Sierk Radzeis Kai ist ein verführbarer Durchschnittsjunge mit großer Präsenz. Wenn sich beide mit der Großmutter am Rollator zum Familienidyll wiederfinden, erblüht auch der verdorrte Rosenstock neu.

Weiß inszenierte kein Illusionstheater. Er zeigt offen die Bühnenmittel und beschert  doch Überraschungen. Die Idyllen sind leicht ironisch unterfüttert, es schneit naturgemäß viel, Lieder, Musical-Tänzchen, etwas   Mitmachtheater wärmen auf. Und die schrägen Vögel Alfred Kleinheinz und Arthur Klemt leiten locker-bairisch-heiter durchs Stück.

Residenztheater, bis 29. Dez. 2013, wechselnd vormittags und nachmittags, Tel. 2185 1940, www.residenztheater.de

Veröffentlicht am: 27.11.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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