Ofira Henig bei Spielart im Schwere Reiter

An der Totenbahre von Camus

von Jan Stöpel

Auf einen Plausch mit Leni Riefenstahl: Ofira Henig und Ensemble bei Spielart. Foto: Gerhard Allon

"Geh mir aus der Sonne": Der Titel des Stücks von Ofira Henig soll, laut Programmheft, auf die Notwendigkeit hinweisen, das eigene Land zu verlassen, um das Licht der Sonne wieder sehen zu können. Er könnte aber auch auf einen der ersten überlieferten Akte der Opposition hinweisen - auf die Bitte des Diogenes. Alexander der Große hatte ihn gefragt, was er ihm Gutes tun könnte. Und Diogenes hatte nichts weiter begehrt als dies: "Geh mir aus der Sonne."

Der Künstler als Fundamentalopposition - auch darum ging es in dieser Spielart-Produktion im Theater Schwere Reiter. Mit Biografien, die so auf den ersten Blick nicht zusammenpassen: Was macht Leni Riefenstahl in Gesellschaft von Heinrich Heine, Albert Camus oder Federico Garcia Lorca? Die acht Schauspieler schlüpfen immer wieder in die Rolle von Dichtern und Filmemachern und bringen so das eigene Leben mit dem Leben der historischen Figuren in Kontrast. Und man erfährt tatsächlich eine Menge über das Reizklima einer absolut fremden Umgebung, über die Herausforderung, sich dort treu zu bleiben.

Wir sehen zu Beginn einen Schauspieler, der laufend auf der Stelle tritt. Man kennt das aus Alpträumen. Hier aber steht es für den Künstler auf der Flucht, der wohl manchmal vor Regimes, nicht aber vor der zentralen Frage davonlaufen kann: Was treibt ihn an, was macht ihn aus? Die Fluchtsituation ist das Verbindende in all den verschiedenen Biografien, die manchmal auf Deutsch, manchmal auf Hebräisch, auf Englisch oder Spanisch, notfalls mit deutschen Übertiteln versehen, angedeutet bekommt. Leerstellen hat Ofra Henig mit Fiktion ausgefüllt. Wie in dem Dialog der Ehrenwache an der Bahre von Albert Camus. Es geht um Nobelpreise, ums Rauchen am Grab, über Franzosen im Maghreb.  So entsteht keine exakte Beschreibung, eher die Silhouette des Künstlers, die man mit Phantasie füllt mit dem, was man über die Betreffenden weiß oder zu wissen glaubt.

Das ist unterhaltsam, manchmal rätselhaft, mitunter Klamauk. Anrührend wird die Performance des israelisch-palästinensischen Projekts gegen Ende hin. Die Erzählung des Kriegsfotografen Robert Capa zieht die Zuschauer in den Bann. Dann erzählt der palästinensisch Schauspieler Yousef Abu Warda von einem israelisch-palästinensischen Film, von der Auszeichnung des Films in Cannes, wie er Sharon Stone nicht begegnete, und von einem verunglückten Foto auf dem Roten Teppich. Es ist das gelungene tragikomische Finale dieser Auseinandersetzung mit der Fremde - in der Fremde sein, heißt eben auch massiv missverstanden zu werden.

Veröffentlicht am: 25.11.2013

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