Zu Joshua Sobols "Ghetto" im Volkstheater

Von Tätern und Spielmachern

von Gabriella Lorenz

Spielen auf den Trümmern der Welt: Michl Bloching, Tom Wörndl, Pascal Fligg und Magdalena Wiedenhofer. Foto: Arno Declair

Ihm käme das manchmal vor wie Fantasy, bekennt der Schauspieler Johannes Meier. Doch es ist grausame Realität, was der israelische Autor Joshua Sobol in „Ghetto“ beschreibt: Die Situation der Juden im litauischen Vilnius, damals Wilna, unter dem Nazi-Regime. Das Drama wurde  1984 durch Zadeks Berliner Inszenierung mit Ulrich Tukur als SS-Offizier ein Welterfolg. 2006 wurde es verfilmt mit Heino Ferch als Ghettoleiter Jacob Gens. Den spielt nun Johannes Meier im Volkstheater, Pascal Fligg ist sein Nazi-Gegenspieler Bruno Kittel. Christian Stückl inszeniert.

Johannes Meier ist 29, Pascal Fligg 30 - beide haben für die Proben viele Fotos und Filme aus den Ghettos gesehen. „Da wird einem übel“, sagt Fligg. „Allein sich die Zahlen der Opfer vorzustellen, ist fast unmöglich.“ Im Wald von Ponary bei Vilnius wurden von 1941 bis 1943 fast 100.000 Menschen massenexekutiert. „Aber die Leute im Ghetto versuchten, die Grausamkeiten auszublenden, obwohl alle paar Meter auf dem Boden Tote lagen. Sie wollten sich nicht in eine Opfer-Mentalität reindrängen lassen.“

Die Personen gab es wirklich: Der kunstliebende SS-Offizier Bruno Kittel befehligte das Ghetto in Vilnius und ernannte den Juden Jacob Gens zum  Ghettoleiter. Der musste für Kittel nicht nur ein Theater  organisieren, sondern auch  jüdische Mitbürger für die „Liquidationsraten“ der Nazis selektieren. Auch der Schneider Weisskopf und der Bibliothekar Herman Kruk sind historisch, vom Untergrundkämpfer Kruk gibt es Tagebücher. In solche Figuren zu schlüpfen, findet Meier durchaus „heikel“: „Man ist verantwortlich für die Abbildung dieser Zeit auf der Bühne.“ Gerade Gens ist eine schwierige, ambivalente Figur: „Weil er sich unter Druck setzen lässt und Verantwortung mittragen muss. Er weiß, dass er benutzt wird und kollaborieren muss. Um viele zu retten, muss er einige opfern.“ Sonst gingen alle zugrunde.

Diese  Gewissensnot von Gens kostet Kittel diabolisch aus. „Ihn treibt Sadismus“, meint Fligg. „Er experimentiert: Wie weit krieg' ich ich jemanden in den Griff, wie zwing' ich ihn, dass er gegen seine eigenen Leute vorgehen muss? Kittel ist Täter und Spielmacher. Er dirigiert, kontrolliert, fordert heraus, setzt die Regeln und die Steine aufs Brett. Er kann auch alles umschmeißen. Er spielt für seinen Spaß und  genießt das. Solange er das Ghetto befehligt, wird er nicht an die Ostfront geschickt. Er spielt auch mit der Sängerin Chaja. Aber sie hat Chuzpe und bietet Paroli.“

Johannes Meier als Gens und Pascal Fligg als Kittel. Foto: Arno Declair

Bei Sobol entdeckt Meier einen psychoanalytischen Ansatz: „Er lädt das Stück spieltheoretisch auf mit der in den 80er Jahre verhandelten Diskussion über den Todestrieb.“ Fligg ergänzt: „Einmal diskutiert Kittel verkleidet mit dem Bibliothekar Kruk über den Ursprung der Aggression. Weil er an Kruk nicht rankommt, sucht er dessen Schwachstellen.“

Der echte Kittel ist nach dem Krieg untergetaucht. Im Stück erscheint er schillernd und zynisch, wie er nach Augenzeugen auch war. Ein  Klischee-Sadist? Fligg wägt ab: „Kittel entscheidet wie Gott über Leben und Tod, nur sein Wille zählt. Diese Konsequenz zu spielen, ist spannend. Größer als seine sexuelle Not ist das Bedürfnis, eine starke Figur wie Chaja zu brechen wie ein Streichholz. Er will Zyankali in die Wunden streuen.“

Und wie erträgt das Gens? „Er will Leben erhalten so lange wie möglich und nicht in die Zukunft denken“, sagt Meier. „Aber er wird dadurch ein fanatischer Zionist. Seine Gegenwart ist eine Schlinge um den Hals, die sich zuzieht. Am Ende legt er die Schlinge ab und gibt sich den Freitod.“

Dass man das Stück auch 70 Jahre nach den Kriegsgräueln spielen muss, steht für den aus Thüringen stammenden Falckenberg-Absolventen Johannes Meier außer Frage: „Man sieht es doch an den Diskussionen um das Münchner  NS-Dokumentationszentrum: Die Zeit ist nicht vergessen. Ich hoffe, wir können ein differenziertes Bild zeigen und die Täter-Opfer-Rollen anders betrachten. Wer lässt sich zum Werkzeug machen, wer übernimmt die Verantwortung? Wäre ein jüdischer Staat überhaupt möglich gewesen ohne Hitler?  Wie gehen die Juden heute mit ihrem Staat um? Und welchen Blick darauf darf man sich als Deutscher erlauben?“ Pascal Fliggs Fazit: „Das Stück stellt mehr Fragen, als es Antworten gibt.“

Volkstheater, 19.30 Uhr, Telefon 089/523 46 55

 

Veröffentlicht am: 22.11.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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