Halbzeit beim Internationalen Festival der Filmhochschulen

Auf der Suche nach der Welt

von Barbara Teichelmann

Es ist Halbzeit auf dem Internationalen Festival der Filmhochschulen und die erste Bilanz fällt positiv bis begeistert aus. Egal ob Immigrantenproblematik, grausames Initiationsmärchen oder filmischer Essay über die Kindheit – der Nachwuchs zeigt was er kann. Und er kann’s.

Gesellschaftsstudie made in Großbritannien: Stella holt sich ihren Hundefreund zurück. Foto: Festival der Filmhochschulen München

Seine Familie kann man sich nicht aussuchen, seine Freunde schon. Sagt Stella und für eine Zwölfjährige klingt das schon ein bisschen abgeklärt. Wenn man dann aber ihre abgedrehte Mum beim Bodycheck vor dem Spiegel erlebt und ihren dauerbenebelten Vater wortlos auf eine Matratze pissen sieht, begreift man. Begreift auch warum Stellas Freund ihr Hund Frida ist. Nur dass Frida jetzt den ziemlich eingebildeten Nachbarszwillingsmädchen gehört, weil Stellas Mum sie verkauft hat. Ein abwesendes „Could you please not talk“ ist die Antwort auf die Fragen der Tochter, der Vater ist gerade wieder nicht ansprechbar. In dieser Familie wird sich entweder nicht zugehört, oder nicht miteinander gesprochen, oder beides.

Also nimmt Stella einen gespenstischen Job in der Nachbarschaft an, um so die hundert Pfund zu verdienen, die sie für Fridas Rückkauf braucht. „Cocoons“ heißt der atmosphärisch dichte 30-Minuten-Film von Joasia Goldyn, Absolventin der National Film and Television School bei London. Sie zeigt Menschen, die feststecken. Der Schauplatz, eine Siedlung, spiegelt diesen pathologischen Zustand: Nach außen wird eine genormte Fassade gezeigt, im Inneren aber tobt der stumme Wahnsinn. Jeder Mensch ein abgekapselter Abgrund für sich, Individualität gibt es nur im Verborgenen. Das eigene Leid funktioniert wie ein blickdichter Kokon, die Welt außerhalb ist nicht existent. Also haben die Kinder gelernt sich selbst zu organisieren. Sie sind das einzig Sichtbare und das einzig Lebendige in diesem lethargischen Dorf, das im sommerlich Dämmerschlaf vor sich hinbrütet. Ein Film, der ganz eigene poetische, komische, traurige Bilder findet für diese Form der Seelenverkrustung.

Aufrichtiges Interesse an der Welt

Wo komme ich her, wer könnte ich sein und wie will ich leben? Diese existenziellen Fragen sind besonders präsent, wenn man sich ausprobiert mit dem, was man gelernt hat. Soviel Freiheit wie jetzt, also während oder am Ende der Ausbildung, wird es vielleicht nicht mehr geben. Ob und wie man sie nutzt, hängt wahrscheinlich davon ab, wie wenig oder wie sehr man an seine Zukunft denkt. Bestenfalls ist das Ergebnis nicht nur ein handwerklich gut gemachter Film den man ins Portfolio packt, sondern ein Experiment. So unterschiedlich die bisher gezeigten Filme sind, eines haben sie gemeinsam: Jeder versucht die Freiheit, die ihm zur Verfügung steht, auszuschöpfen – inhaltlich und formal. Die erzählten Geschichten, egal ob fiktiv oder dokumentarisch, sind getragen von einem aufrichtigen, tiefen Interesse an der Welt.

Alltagsbeobachtungen aus Israel: ein homosexueller Mann auf der Suche nach einem Handy. Foto: Festival der Filmhochschulen München

Viele Themen sind autobiografisch motiviert, am extremsten wohl der 20-minütige israelische Film „In Praise Of The Day“, der dieses Jahr zur Berlinale eingeladen war. Regisseur Oren Adaf, Schüler der Sam Spiegel Film & Television School in Jerusalem, spielt den Protagonisten selbst, und es ist beeindruckend wie schonungslos er sich in diese Geschichte wirft, die viel mit ihm und seinem Leben zu tun hat: Wir begegnen Oren in einem Park, dort wo sich die Cruiser-Szene trifft, es ist kurz vor Sabbat, er will seine Mutter anrufen, hat kein Guthaben mehr, versucht sich ein Handy zu leihen, hat Sex, trifft seinen Geliebten, erreicht seine Mutter und am Ende wird ein Baum gefällt. Das ist gekonnt beiläufig erzählt, in unaufgeregten Bildern und man hat tatsächlich das Gefühl etwas verstanden zu haben über das Leben dieses homosexuellen Israelis.

Ein grausames Märchen

Grausames mexikanisches Märchen: Aus dem Mund des Mädchens wächst ein Baum. Foto: Festival der Filmhochschulen

Auch der knapp halbstündige Film des Mexikaners Alejandro Iglesias ist autobiografisch motiviert. In „Fable of a Blood-Drainded Girl“ erzählt er die opulent inszenierte Geschichte eines Mädchens, die an ihrem 15. Geburtstag erwachsen werden soll. Ihre vom bürgerlichen Ehrgeiz getriebenen Eltern geben eine feine Party, zu der ausschließlich ihre Freunde eingeladen sind – allesamt gruslig verlebte, groteske Visagen, die sich begeistert auf den blutigen Pferdekopf stürzen, den der Vater servieren lässt. Parallel zur Verzweiflung, die in dem Mädchen aufsteigt, wächst in ihrem Mund eine Pflanze, die im Laufe des Abends zum kleinen Baum wird und sich irgendwann nicht mehr verstecken lässt. Also tut sich das Mädchen selbst Gewalt an, sitzt wieder brav am Tisch und lächelt mit blutigem Mund in die Runde. Gewidmet hat Iglesias diese bizarre Phantasie „Gizelle“, seiner besten Freundin, die sich mit 14 Jahren das Leben nahm, diesen  Schrecken von damals hat er in ein wunderschönes, grausames, stark stilisiertes Märchen verwandelt.

Unterwegs in Nordvietnam: Das Mädchen Vy May bekommt einen Hund, Foto: Festival der Filmhochschulen

Jeder einzelne Film hätte eine eigene Besprechung verdient. Von manchen wird man so oder so noch hören, die zauberhafte Geschichte des Mädchens Vy May zum Beispiel, die ihren Vater einen Tag lang im Lastwagen begleitet und am Ende einen kleinen Hund bekommt, ist zur kommenden Berlinale eingeladen. Der Brasilianer Mauricio Osaki hat „My Father’s Truck“ in Nord Vietnam gedreht und in seiner kleinen Darstellerin ein kleines Wunder gefunden.

 

 

Das Internationale Festival der Filmhochschulen läuft noch bis zum 23. November 2013. Tickets gibt es online unter www.filmschoolfest-munich.de oder an der Festivalkasse (Mo-Fr 11 bis 22 Uhr) im ersten Stock des Filmmuseums.

Veröffentlicht am: 21.11.2013

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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