Zur Ausstellung "Playtime" im Kunstbau

Leben wird Arbeit wird Kunst wird Leben

von Barbara Teichelmann

"Artist at work" (1978): Der kroatische Künstler Mladen Stilinović fotografierte sich tagsüber  im Bett und definierte so Faulheit als Teil künstlerischen Arbeitens. Foto: Mladen Stilinović

Wer keine Arbeit hat, hat und ist ein Problem. Nicht nur, weil er sich je nach Vermögenslage nicht mehr ernähren, kleiden und unterbringen kann, sondern vor allem, weil er außen vor ist. Arbeit ist gleich Identität. Wer nichts leistet, hat kein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe oder Anerkennung. Die Ausstellung "Playtime" im Kunstbau fragt, was Arbeit mit uns macht, was die Kunst mit der Arbeit macht. Und ob Kunst überhaupt Arbeit ist.

Der natürliche Lebensrhythmus lautet: "Arbeiten, Pause, Arbeiten, Pause, Arbeiten … So bekommt man die beste Performance", fasst einer der Geschäftsmänner aus Harun Farockis Film "Ein neues Produkt" (2012) zusammen. Nichtstun ist abgeschafft und heißt jetzt "Pause", aber die gibt es nur, damit anschließend noch effizienter gemeetet werden kann. Ein Jahr lang hat Farocki eine Hamburger Unternehmensberatung begleitet, die sich auf "innovative Raum- und Arbeitskonzepte" spezialisiert hat. Still sitzt die Kamera in Meetings und beobachtet, wie diese effizienten Anzugmänner vor Begeisterung rote Bäckchen kriegen, weil einer fordert, dass sich das Unternehmen auch um das Privatleben seiner Angestellten kümmern soll: "Geht’s Dir gut, verbringst Du genug Zeit mit deiner Familie? Solche Fragen muss der Arbeitgeber fragen." Arbeits- und Privatleben werden eins, langsam und unaufhaltsam.

Künstler als Prototypen der neuen Arbeitswelt

"Time Clock Piece": Ein Jahr lang dokumentierte der  taiwanesisch-amerikanische Künstler Teching Hsieh sein Arbeitsleben mittels stündlicher Stempelung und Foto. Foto: Teching Hsieh

Für Künstler ist das nichts Neues: Kreativ, jederzeit bereit, flexibel und eigenverantwortlich – paradoxerweise ist ihre Arbeitsweise der Prototyp der schönen, neuen Arbeitswelt. Diether Roths (1930-1998) Videoinstallation "Solo Szenen", an verschiedenen Orten zwischen 1997 und 1998 entstanden, zeigen den Künstler bei der Arbeit – also immer. Roth dokumentiert seinen Alltag, indem er sich von mehreren, fest installierten Kameras beobachten lässt. Oder ist das eher Überwachung? Man sieht ihn an seinem Arbeitstisch, im Bett, auf dem Klo, in der Küche, man sieht ihn weinend, zeichnend, lesend. 131 Videotapes lang hat er das ausgehalten, hat sich und sein Leben zum Objekt gemacht. Auf 131 Monitoren werden die Videos gezeigt, man steht vor einem lebendigen Lebens- und Arbeitsmosaik und fragt sich, wie man umgehen soll mit so einer geballten Ladung Privatheit, die ja gar keine mehr ist.

Wie arbeiten wir? Und warum?

Das ist schon sehr gelungen, wie eins ins andere greift in der Ausstellung Playtimeim Kunstbau des Lenbachhauses: Die Pet Shop Boys singen "Let’s Make Lots of Money", Christoph Schlingensief fordert uns zum organisierten Scheitern auf, Ali Kazma filmt Maschinen bei der Arbeit, Mladen Stilinović verweigert jede Aktivität, Dan Perjovschi hat "kiss my Logo" an die Wand gekritzelt und Andrea Fraser trifft sich zum verabredeten Sex mit einem Sammler… Es geht um Arbeit. Wie wir arbeiten, warum wir arbeiten, was Arbeit für wen bedeutet, warum wir immer mehr arbeiten, warum Maschinen uns die Arbeit wegnehmen, Veränderungen, Ausblicke, Rückblicke. Gezeigt werden Arbeiten von mehr als 40 Künstlern, und natürlich läuft auch Jaques Tatis namensgebender Film "Playtime". Der Kunstbau summt und brummt, es klickt und knarzt, die Ausstellung wird zur geschäftigen Fabrik. Wem das irgendwann zuviel wird, der kann sich an Beate Engels "Burnout Machine" (2014) abreagieren.

Die Ausstellung läuft bis zum 29. Juni 2014 im Kunstbau des Lenbachhauses.

Veröffentlicht am: 11.06.2014

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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