Yannis Houvardas inszeniert am Residenztheater "Die Ratten"

Auch morgen kommt kein Weihnachtsmann

von Gabriella Lorenz

Es gilt der hehren Kunst! Sophie Melbinger, Oliver Nägele, Thomas Gräßle. Foto: Andreas Pohlmann

"Erfinden Sie sowas mal, Herr Direktor!“ Das sagt der Naturalismus-Verfechter Spitta den Theaterleuten, die als Voyeure auf der Bühne gerade eine Unterschicht-Tragödie miterlebt haben. Dass Menschen aus dem Volk Dramenfiguren sein können - für diese Meinung hat der dem hehren schillerschen Bombast verpflichtete Theaterdirektor Spitta als Ratte beschimpft. In seiner Tragikomödie „Die Ratten“ führte der Naturalist Gerhart Hauptmann 1911 den Gegenbeweis mit der Putzfrau John als Tragödin. Die Ratten sind die Armen, die mit sozialen Ideen aufrührerisch den Staat  unterminieren - so meinte es Hauptmann sarkastisch im Kaiserreich 1911. Der Grieche Yannis Houvardas inszenierte im Residenztheater ganz ohne Aktualisierungen eine düstere Studie über Armut und Glückssehnsucht.

Yannis Houvardas (63) war Intendant des Nationaltheaters in Athen, im Mai warf er wegen Geldmangel das Handtuch. Der Ausverkauf Griechenlands spielt aber hier keine Rolle: Houvardas hält sich recht werktreu, doch klug stilisierend an Hauptmanns Text. Die Schauspieler haben akribisch den Berliner Kunst-Dialekt studiert, in den man sich erst einhören muss. Der Gewöhnung bedarf auch der Akustik-Unterschied zwischen vier Mikroport-Trägern, die leise Kammertöne sprechen können, und den ohne Verstärkung klar verständlichen, großflächig theaternden Schauspielern.

Katrin Nottrodts abstrakte Bühne zeigt das soziale Gefälle. Im großen dunklen Dachboden eines Mietshauses bewahrt der verkrachte Theaterdirektor Hassenreuter (Oliver Nägele poltert und charmiert routiniert) seinen Fundus auf, er dient für Proben und heimliche Treffen. Hassenreuter ist noch Mittelstand - aber Treppen unter Falltüren verkünden Abstieg. Die Proll-Wohnwaben fährt eine Drehbühne aus der Versenkung hoch: In den drei Stahlgerüsten stehen am Ende die fahrbaren Gitterboxen des Fundus. Als Käfige für drei Frauen.

Erstes Untergeschoß sozialer Abstieg. Michele Cucioffo, Valery Tscheplanowa. Foto: Andreas Pohlmann

Frauen und Kinder - sie sind die Opfer. Das Baby einer drogensüchtigen Nachbarin  (Hanna Scheibe liefert eine Amy-Winehouse-Nummer) verhungert. Einer schwangeren Polin (Katharina Schmidt rutscht häufig in keuchende Hysterie) kauft Jette John das Kind ab, um es als eigenes aufzuziehen. Diese Jette John spielt Valery Tscheplanowa unsentimental als schmale, verhärmte Frau, die ihre verzweifelte Hoffnung auf ein kleines, heiles Familienglück in den Wahnsinn und Tod treibt. Ihr entgleitet ihr Leben: Zunächst hat sie als Putzfrau in dem Mietshaus alles unter Kontrolle, doch dann zerfällt die ganze Ordnung. Nach einigen Längen findet Houvardas Inszenierung am Ende in der Abrechnung zwischen Jette John und ihrem Mann Paul einen spannenden Höhepunkt. Wie Michele Cuciuffo langsam versteht, was seine Frau getan hat, ist beeindruckend eindringlich. Und Jette sagt verrückt-unverrückbar: „Du hast mein Leben ruiniert.“ Weil es nie einen gemeinsamen Lebensentwurf gab.

Der Regisseur Houvardas lässt Hassenreuters Leute meist aus der ersten Parkettreihe das Sozialdrama anschauen. Denn wir sind alle Publikum der Tragödien, die wir im TV sehen.

Ein unverständlicher Stilbruch: Die groteske Comic-Kinder-Maske des Pianisten Michael Gumpinger. Der umkreist als Bub und stummer Beobachter am Flügel die Bühne und variiert „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Bloß warum?

Residenztheater, 15., 19. Oktober, 6., 14., 21. November, 19.30 Uhr, 24. November 2013, 15 Uhr, Telefon 2185 1940

Veröffentlicht am: 14.10.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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