"Amerika" von Franz Kafka in den Kammerspielen

Es war einmal ein Land, es wurde ein Stummfilm

von Gabriella Lorenz

Entgrenzte Möglichkeiten. V.l.n.r. Walter Hess, Edmund Telgenkämper, Christian Löber, Katja Bürkle. Foto: Christophe Engels

Land der unbegrenzten Möglichkeiten, schöne neue Welt? So schön ist das Land nicht für den aus Prag nach Amerika geschickten Karl Roßmann. Es wirft ihn nach unerwartetem Glück hart auf die Straße. In dem 1911 bis 1914 entstandenen Romanfragment „Amerika“ hat Franz Kafka, der Amerika nie gesehen hat, Utopie und Dystopie zugleich entworfen. Die 32-jährige Regisseurin Julie Van den Berghe aus Gent hat 2011 mit Duras' „Agatha“ eine respektable Visitenkarte abgegeben. Nun inszenierte sie in der Spielhalle der Kammerspiele „Amerika“ als Stummfilm-Hommage mit den multifunktionalen Mitteln des armen Theaters.

In ihrer Bearbeitung hat der naive 16-jährige Karl ein Alter Ego, ein europäisches Bewusstsein, das ihn aus der Perspektive der alten in der neuen Welt beobachtet. Stefan Hunstein spielt fabelhaft den Karl, Christian Löber mit Gitarre den Erzähler, der ab und zu den Part mit Hunstein wechselt. Der Raum steht für die gesellschaftliche Hierarchie. Das Installations-Designer-Duo Ruimtevaarders zimmerte eine rohe Sperrholzwand mit Türen auf die Breit-Bühne. Die Galerie darüber ist der Ort der Reichen und Mächtigen, den Karl einmal kletternd erklimmt. Die Armen und Ohnmächtigen hingegen, bei denen Karl später landet, hängen manchmal sogar kopfüber in Versenkungen. Zu ebener Erde sucht der Junge eine bürgerliche Existenz. Leider hat er anfangs Gaunern vertraut, die ihm alles ruinieren. Nur die Frauen wollen ihm immer gut und an die Wäsche.

Van den Berghe buchstabiert Kafkas Text sehr verknappt redlich nach. Aber sie macht mit dem Ensemble die Fremde und das Karl fremde Verhalten zeichenhaft, durchaus auch klischeehaft sichtbar. Alle außer den beiden Karls spielen mehrere Rollen: Cristin König zappelt als Onkel Jakob vor Freude wie ein Hampelmann, protegiert dann als allmächtige Oberköchin ihren Liebling, und quietschgrunzt später als exzentrische Brunelda. Katja Bürkle schlägt als nymphomane Klara im Stars&Stripes-Bikini zu und lockt als Therese mit  schüchtern versuchten Vamp-Posen. Edmund Telgenkämper beschwört als Elvis-Double mit dessen Songs das Amerika-Gefühl der 50er Jahre.  Maximilian Simonischek in  Fransen-Lederjacke gibt einen lockeren Englischlehrer und einen schmierigen Ganoven, Stefan Merki brilliert als rabiater Säufer. Walter Hess ist Heizer, Kellner und Polizist - und zwischen allen bleibt  Hunsteins verwunderter Karl lern- und anpassungsbereit.

American Beauty. Katja Bürkle, Stefan Hunstein Foto: Christophe Engels

Alle Gesichter sind leicht durch Schminke deformiert, alle Gesten oft tänzerisch stilisiert. Das wirkt manchmal wie Kasperltheater und steuert auch direkt in die Groteske. Ein Kabinettstück, wie Oberköchin, Oberkellner und Oberportier erregt-komisch auf einer Stehleiter Gericht halten über den darunter kauernden Karl, der nach einem Gewaltexzess nackt bis auf eine Socke zurückbleibt. Bis Kafkas ironische Utopie des großen Theaters von Oklahoma zuschlägt, in dem alle Bewerber ihren Platz finden sollen: Die Wand kippt, im offenen Raum findet sich hier wieder das bekannte Personal. Doch bevor Karl hier eintritt, muss sein Alter Ego von ihm absterben.

Die Inszenierung muss man nicht mögen - nach der Pause waren die Reihen etwas gelichtet. Aber wenn man sich auf die Stummfilm-Manierismen einlässt, ist sie vergnüglich und kurzweilig.

Spielhalle der Kammerspiele: 7., 17., 19., 22., 27., 30., 31. Oktober, 4., 11. November 2013, 19.30 Uhr, Telefon 233 966 00

Veröffentlicht am: 05.10.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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