Johan Simons inszeniert "Dantons Tod" in den Kammerspielen

War dieser Typ nicht doch ein Feigling?

von Gabriella Lorenz

Revolutionär auf halbem Wege. Kristof van Boven, Pierre Bokma. Foto: Julian Röder

Vor 30 Jahren war der junge Pierre Bokma beim Regiedebüt von Johan Simons dabei. Bokma wechselte zu anderen Theatertruppen, spielte lang bei der Toneelgroep Amsterdam und erhielt gerade zum zweiten Mal den wichtigsten niederländischen Theaterpreis Louis d'Or. Johan Simons wurde ein bedeutender europäischer Regisseur und 2010 Intendant der Münchner Kammerspiele. Seitdem ist Pierre Bokma dort fester Gast. Er erzählt: „Nach fast 20 Jahren haben wir uns wieder getroffen und auf einem Bierfilz den Vertrag gemacht, wieder zusammenzuarbeiten. Das tun wir seitdem kontinuierlich.“ Nun inszeniert Simons „Dantons Tod“ von Georg Büchner, Bokma spielt den Danton.

Dessen politischer Widersacher Robespierre, der ihn auf die Guillotine bringt, ist Wolfgang Pregler, Dantons Geliebte Marion spielt Sandra Hüller.

Die Revolution frisst ihre Kinder: Das sagte Pierre Vergniaud vor seiner Hinrichtung 1793 während der Französischen Revolution. Der 21-jährige Georg Büchner machte 1835 diesen Mechanismus zum Zentrum seines Dramas, das sich auf die zwei Wochen im Frühjahr 1794 vor der Hinrichtung Georges Dantons und seiner Freunde konzentriert.

Er benutzte viele historische Quellen und Rede-Zitate - die Ereignisse waren damals erst 40 Jahre her. Danton hatte den vom Tugendwächter Robespierre aufgebauten „Terreur“, der Tausende auf die Guillotine schickte, zunächst toleriert, nun wird ihm das Morden zuviel. Er will aussteigen, womit er selbst zum Gegner Robespierres wird, der neue Blutopfer braucht.

Bokma sieht in Dantons Verweigerung „zunächst eine Riesenfeigheit“. „Man kann nicht so etwas Großes beginnen und dann auf Dreiviertel des Wegs sagen, ich hau jetzt ab, und alle verwirrt zurücklassen. Andererseits gibt es Kräfte, denen Danton nicht gewachsen ist. Er hat selbst viel Wasser aufs ewige Mühlrad der Revolution gegossen und kann es jetzt nicht mehr aufhalten. Alle Beteiligten haben ihre Kräfte überschätzt. Es gab ja zum ersten Mal in der Geschichte eine Revolution in dieser Form, und vieles war nicht vorhersehbar.“

Simons wolle die politische Struktur über die Psychologie der Figuren herausarbeiten, meint Bokma: „Die Herren Revolutionäre haben sich nicht mehr verstanden, und die Folgen waren sehr politisch.“ Dass aus Kämpfern für eine gemeinsame Sache Todfeinde werden, kennt man aus allen Revolutionen, ob in Russland oder China. Bokma sieht dieses „eigenständige, immer wiederkehrende Phänomen“ auch in Ägypten und Tunesien: „Auch dort ist die Revolution die erste ihrer Art.“ Warum lernt niemand aus der Geschichte? „Weil jeder denkt, jetzt sei er dran, und er sei einmalig in seinen Entscheidungen. Das führt zwangsläufig ins Chaos. Schon Cicero hat gesagt: „Wer nicht weiß, was vor ihm geschah, wird immer ein Kind bleiben.“

Büchner zeichnet Danton als fatalistischen Melancholiker und sinnenfreudigen Lebemann zugleich.  Bokma benennt die Widersprüche: „Danton ist seinen Versprechen nicht nachgekommen, er hat sich wie ein Royalist verhalten und ist reich geworden. Aber er war eine charismatische Figur. Und ebenso eine schwache und zerbrechliche Figur, am Ende fast wie ein Kind. Bei ihm hat alles was Schauspielerisches. Wo Robespierre und St. Just sagen, die Revolution braucht Stützen, glaubt Danton, er könne ewig weiter durch den Raum schweben. Das ist sein Fehler. Und damals gab es keinen Nelson Mandela, der vermittelt hätte. Da schlägt dann Politik in persönliche Rache um. Und wer will denn eigentlich dem Volk die letzte Entscheidung überlassen? Das Volk soll die Macht wählen, aber nicht bekommen.“

Der 57jährige Bokma lebt in Amsterdam und Rotterdam, er spielt bei der Musiktheater-Plattform Orkater sowie beim National Toneel und pendelt  nach München. In Holland ist er ein Bühnen- und Leinwandstar, in Deutschland kennt man ihn bisher nur aus dem Kino-Film „Schlafkrankheit“ von 2011. Er findet das „herrlich, hier ganz ohne Erwartungsdruck etwas machen zu können“. Seine vielen Preise, darunter ein Emmy, kommentiert er trocken: „Es ist schön, sowas zu bekommen. Aber danach ist alles wieder normal. Und stolz soll man schon gar nicht sein.“

Kammerspiele, nächste Vorstellungen 29.9. und 2.10. 2013, Telefon 233 966 00

Veröffentlicht am: 27.09.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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