"Orest" von John von Düffel am Residenztheater

Runter aufs Menschenmaß, in jeder Hinsicht

von Gabriella Lorenz

Vergiss die Götter! Sie dienen den Menschen nur als faule Ausrede, um die Verantwortung abzuschieben. Weshalb Orest seine Beschwörungsfloskeln von Apollos Auftrag zum Muttermord schließlich selbst nicht mehr glaubt und mit dem Finger auf seine Schwester deutet. David Bösch inszenierte im Residenztheater „Orest“ von John von Düffel, der nach Sophokles, Aischylos und Euripides die antike Atriden-Tragödie neu gedichtet und ganz ohne Götter auf ein Geschwister-Drama reduziert hat. Nach wechselhaften drei Stunden viel Applaus für Shenja Lacher und Andrea Wenzl.

Ich hab dich doch lieb! Shenja Lachner (Orest) und Sophie von Kessel (Klytaimnestra). Foto: Andreas Pohlmann

Spannend ist Düffels freie Verwendung von Euripides' selten gespieltem „Orestes“ (es gibt nicht mal eine deutsche Print-Einzelausgabe). Zunächst folgt Düffel Sophokles' „Elektra“ und Aischylos' „Orestie“. Dann dreht sich der Fokus auf die Verantwortung der Täter. Denn schon Euripides hatte seine Zweifel an den Göttern. Bei ihm werden Orest und Elektra zum Tode verurteilt. Dass der Muttermord gerechtfertigt ist, weil Klytaimnestra den Vater Agamemnon erschlagen hatte, hebt die Schuld nicht auf. Die antike Schicksalhaftigkeit wird heruntergebrochen auf Menschenmaß.

Der 35-jährige David Bösch machte ab 2006 Steilkarriere, hat bereits drei Mal an der Münchner Staatsoper inszeniert und ist jetzt am Wiener Burgtheater angekommen. Seine Resi-Inszenierung lahmt allerdings streckenweise und lässt einen ziemlich kalt. Falko Herold baute einen schäbigen Königs-Bungalow, auf dessen Glas-Schiebetüren Silhouetten-Videos das Unheil vorwegnehmen. Davor ein Pool, auf einer Kinderschaukel wartet Elektra wie ein Kettenhund (tatsächlich einmal angekettet) auf den Bruder, der den Vatermord rächen soll.

Andrea Wenzl legt Elektra eindimensional fest auf eine Punk-Göre, deren einziges Motiv Hass ist. Ihren Außenseiterplatz hat sie selbst gewählt. Als Orest erscheint, erfüllen sich ihre Racheträume. Aber sie muss den Bruder mit inzestuöser Liebe aufhetzen und anheizen: Sie ist die gestiefelte Schlägerbraut, die ihrem Mörderkumpel einpeitscht, dem niedergeknüppelten Opfer noch auf den Kopf zu springen.

Shenja Lacher spielt Orest als einen Hamlet verwandten, skrupelgeplagten Zauderer, den die Hassfurie Elektra zum Jagen tragen muss. Dann erledigt er brav seine Schlächter-Aufgaben. Danach hängt er zwischen lethargischer Resignation, Schuldgefühlen und Mord(s)-Überdruss im Sessel,  trommelt nervös auf Dosen und will nur weg. Doch Elektras Hass ist mit der Rache nicht gestillt: Die Terroristin will vor dem Tod noch andere mitnehmen. Also müssen noch Helenas Tochter Hermione, in die Orest verliebt ist, und Helena dran glauben.

Den Nebenfiguren verlieh Bösch wenig Konturen. Sophie von Kessel fleht als Klytaimnestra tragisch ums Leben und glitzert als schöne Helena mondän golden (Kostüme: Meentje Nielsen). Norman Hacker spielt Aigisthos als öligen Politiker, Menelaos als Karikatur eines feigen Kriegsveteranen. Valerie Pachners Chrysotemis und Hermione sind einfach nur nette Töchterlein. Dass Böschs Inszenierung nie richtig in Fahrt kommt, mag dem retardierenden Text geschuldet sein.

Die Kinder einer kranken Gesellschaft hinterlassen als Amokläufer verbrannte Erde: einen abgefackelten Palast, eine ausgelöschte Dynastie. Euripides' Deus ex machina ist hier als Vision eines verlorenen Verlierers nur noch zynische Ironie.

Residenztheater, 20. Sept., 8., 20., 27. Okt., 2. Nov. 2013, Telefon 2185 1940

Veröffentlicht am: 19.09.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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