"Lumpazivagabundus" bei den Salzburger Festspielen

Bombenrolle, Rampensau - und doch bleibt der Nestroy auf der Strecke

von Gabriella Lorenz

Wenn Fortuna aussieht wie Angela Merkel, was kommt dann aus ihrem riesigen Füllhorn? Blaue Luftballons mit Euro-Zeichen. Am Politiker-Rednerpult vor dem EU-Sternenkranz handelt Feenkönig Stellaris diplomatisch die Wette zwischen Fortuna und Amorosa aus, ob Geld oder Liebe den Menschen glücklich machen. Aber nach der Polit-Parodie als Comedy-Einstieg setzt Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann in seiner Salzburger Festspiel-Inszenierung  „Lumpazivagabundus“ ganz auf seine tollen Komödianten, auf wilden Stilmix und effektvollen Klamauk.

Das Premierenpublikum auf der Perner-Insel jubelte nach über drei Stunden, auch das Wiener Herz dürfte die Nestroy-Aufführung ab Herbst am Burgtheater erfreuen.

Der Rausch ist überall. Nikolas Ofczarek als Knieriem. Foto: Reinhard Werner

Nestroys scharfe, pessimistische Gesellschaftssatire blieb allerdings auf der Strecke. Immerhin: "Der böse Geist Lumpazivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt" war im vormärzlichen Biedermeier-Jahr 1833 Nestroys Durchbruch als Theaterautor. Vielleicht verstanden manche den bösen Zeitgeist der Zauberposse, vielleicht verdankte sich der Erfolg auch nur dem Schauspieler Nestroy als versoffenem Schuster Knieriem, der fatalistisch an den Weltuntergang durch einen Kometen glaubt und sich deshalb lieber an Schnaps statt Arbeit hält.

Diese Bombenrolle spielt Nicholas Ofczarek - als veritable Charakterstudie eines Säufers, der gern zuschlägt und sich nicht heilen lassen will. Ofczarek lässt die begnadete Rampensau raus: Wie er mit dem Lied „Eduard und Kunigunde“ schließlich die Zuschauer beim Mitsingen dirigiert, sichert ihm den Hauptgewinn beim Applaus. Fast gleichauf mit Michael Maertens. Der macht den Schneider Zwirn zum grotesk tänzelnden Dandy, egal wie abgerissen sein Anzug ist, mit Ziegenbart und Mecker-Lachen. Reich geworden, lässt er sich aufgestylt als Modedesigner von der Schickeria feiern und von einem Maler in Warhol-Maske porträtieren. Als alles wieder futsch ist und ihm ein Bürger-Arbeitsleben geboten wird, sagt er nur: „Ich halt' das nicht aus.“

Hauptgewinn: der Komet kommt! Foto: Reinhard Werner

Mit seinem Anteil am Lottogewinn geht der Tischler Leim den Weg des braven Spießers: Heirat, Werkstatt, Anpassung. Florian Teichtmeister überzeugt im ersten Teil als depressiver Liebeskranker und mausert sich zum rigiden Moralapostel. In seinem Haushalt sind Familie und Angestellte alle gleich uniformiert im sportiven Freizeit-Dress. Da kann der unbändige Knieriem, von Leim zur Besserung eingesperrt, nur noch die Wand einschlagen, um ins Wirtshaus auszubrechen.

Auf der Gerüst-Bühne von Stéphane Laimé erledigt eine Statisten-Schar in Lederhosen, Karohemden und Seppl-Hüten die Umbauten sowie Jodel-Einlagen: Fürs Feenreich werden Wolken hereingetragen, für die Kneipe Tische, in Leims Salon steht bloß noch eine Tafel mit einem gemalten Sofa und der Aufschrift „Sofa“. Hartmann will auch das Genre Volksstück parodieren, er inszeniert hauptsächlich Posse und komische Einzelnummern. Darin brilliert auch Maria Happel - als Merkel-Fortuna im Reifrock oder Schwarzwälder Haushälterin. Irrwitzige Kostüme (Victoria Behr) mit turmhohen Barockfrisuren über Nackt-Trikots bis rosa Mode-Perücken über Glitzerminis verblüffen, die Regie spielt ironisch mit allem. Nur mündet das tolle Hin und Her nicht in einen Fluss. Ob Parodie auf den Theaterbetrieb oder Kabinettstücke von Ofczarek und Maertens beim Anhören eines Briefes, alles bleibt revueartig nebeneinander stehen. Aber warum sich aufregen? Knieriem singt's uns ja vor: „Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang.“

Perner-Insel, Hallein, 5., 6., 8., 10. - 12., 14., 15., 17. August 2013, 19 Uhr, Tel. 0043 662 8045 500

Veröffentlicht am: 05.08.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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