Zum Festival Relations in den Kammerspielen (III)

Schön für die Freaks, doch wann wird es zu viel für die Stadt?

von Gabriella Lorenz

Ikone! Überschätzt? - Meg Stuart in "Violet". Foto: Münchner Kammerspiele

Ein Veilchen sucht man in Meg Stuarts „Violet“ vergebens. Ihre Choreografie von 2011 schloss das „Relations“-Festival in den Kammerspielen ab und eröffnete gleichzeitig das Festival zum 20. Jubiläum der Muffathalle. Meg Stuart gehört zu den Künstlern, die Kammerspiele-Intendant Johan Simons spartenübergreifend als Verwandte sieht. Diese Künstler, die in den nächsten zwei Jahren an seinem Haus arbeiten sollen, stellte „Relations“ gebündelt in zwölf Tagen vor. Ein mutiges Unterfangen, dafür ein eigenes Festival zu inszenieren, zumal in einem Jahr, das die Stadt mit Festivals geradezu überflutet.

Die in Berlin lebende Amerikanerin Meg Stuart gilt seit den 90er Jahren als - vielleicht überschätzte - Ikone des deutschen Tanztheaters. In „Violet“ wagte sie sich erstmals an die völlige Abstraktion. Getanzt wird hier nicht. Fünf Tänzer stehen sehr still vor einer schwarzen Wand und beginnen allmählich, Hände, Arme und Oberkörper zu bewegen. Das dauert. Dazu lässt der Musiker Brendan Dougherty ebenso langsam Bocksgesänge von einem bis zwei Akkorden aus dem Synthesizer anschwellen, die er später streng im nie ausufernden Rhythmus mit vehementer Live-Percussion anreichert.

Die bewusst nicht glatte Lackwand (Janina Audick) spiegelt verzerrt den weißen Bühnenboden und die Schatten der Tänzer - diese Bilder sind zum Teil spannender als die reale Aktion. Der direkt aufs Zwerchfell zielende Soundtrack klingt wie ein ekstatischer Dauerorgasmus. Er ist einfach überwältigend. Aber genau solchen Überwältigungsgestus nutzt der faschistoide Totalitarismus gern. Und deshalb beschleicht einen Unbehagen. Denn was bliebe ohne den wuchtigen Sound von der Aufführung? Fünf Tänzer, die sich 90 Minuten in immer gleichen Armbewegungen, Drehungen, Bückungen und Schüttelungen des Oberkörpers abmühen. Dass sie in der Dauerrepetition über ihre Grenzen getrieben werden, erkennt nur der Experte - für den Normalzuschauer sieht das nach langweiliger Ewig-Wiederholung aus. Am Ende, nach einigen Minuten erholsamer Stille, dürfen sie sich sogar mal berühren und im Pulk alle übereinander rollen.

Es ist für Theaterfreaks schön, wenn ihnen internationale Gastspiele vor die Haustür gebracht werden. Aber im Schauspielhaus blieben viele Plätze leer oder wurden verschenkt. So groß ist die Klientel für experimentelles Theater, wie es im November auch wieder SpielArt bietet, in München nicht. Das zeitgleiche Festival mit Gastspielen zum 60. Schauburg-Jubiläum ging da unter (warum können zwei zusammengehörige Häuser sich eigentlich nicht absprechen?).

Tollwood bricht aus, dann die Opernfestspiele, SpielArt lockt im Herbst, und jedes kleine Theater nennt eine zweitägige Veranstaltung ein Festival. Wieviel „Event“-Hype verkraftet eine Stadt? Offenbar nicht so viel, wie die Macher denken.

Veröffentlicht am: 21.06.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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