Zum Festival Relations in den Kammerspielen (I)

Europa als Prinzip, Scheitern als Möglichkeit

von Gabriella Lorenz

Kammerspiele in der guten Stube der Stadt: "Agoraphobia", hier auf dem Marienplatz. Foto: Judith Buss

Himmelblau leuchten die T-Shirts mit dem „Relations“-Aufdruck, und dieses satte Beziehungsblau lässt keinen Gedanken an atmosphärische Trübungen im Verhältnis der Kammerspiele zu ihren Gästen zu. Damit auch das Münchner Publikum eine störungsfreie Beziehung zu ausländischen Theatermachern aufbauen kann, präsentieren die Kammerspiele in dem Festival „Relations“ Gastspiele der internationalen Künstler, die schon am Haus gearbeitet haben oder demnächst hier arbeiten sollen.

Denn Johan Simons will die erfolgreiche Europäisierung des Theaters in den letzten zwei Jahren seiner Intendanz bis 2015 konsequent ausweiten.

Harmonie und multinationale Verständigung - ein schönes Programm. Da verblüfft es doch,  dass die Produktion „Agoraphobia“ der niederländischen Regisseurin Lotte van den Berg ärgerliche Kommunikationsbarrieren errichtet. Diese Ein-Mann-Performance im Stadtraum darf man nur als Anhängsel eines Handys erleben. Es ist wie beim Flashmob: Nach Online-Anmeldung erfährt man den Treffpunkt und eine Telefonnummer samt Code, unter der man dann am Handy dem poetischen Gebrabbel eines einsamen Psychopathen lauscht, der in Gestalt von Hans Kremer unerkannt am Stachus herumläuft. Nach 20 Minuten endet die Verbindung und Kremer sammelt als Straßenprediger die Zuhörer um sich. Ein Mann erhebt seine Stimme - Textautor Rob de Graaf verrät allerdings nie, wofür oder wogegen. Weshalb einem bei den inhaltslosen Solidaritätsappellen an die Gesellschaft und der Beschwörung eines diffusen „Wir“ schnell mulmig wird. Wohin ein „Wir“-Gefühl der Masse führen kann, weiß man in Deutschland. Formal ist das anonyme Agieren im öffentlichen Raum auch nichts Neues mehr: Es lohnt den Aufwand nicht.

Versöhnt wurde man danach beim Neuen Theater Riga mit „The Secrets of Kabbalah“. Alvis Hermanis hat in München „Späte Nachbarn“  inszeniert, zwei Erzählungen von Isaac B. Singer. Mit fünf Kurzstories Singers taucht er phantasmagorisch ein in die Welt der chassidischen Juden in Osteuropa. Die Bühne ist ein Gepäckband am Flughafen Tel Aviv, und zwischen den Koffern, die ihren Besitzern manchmal surreal aus den Händen wegschweben wollen, werden alte Geschichten lebendig. Eine große Liebe zwischen einer Schauspielerin und einem untreuen Schriftsteller endet mit der Vernichtung eines  kostbaren Manuskripts - da spuckt ein Koffer plötzlich Feuer. Hingegen ist der tumbe Narr Gimpel durch seine Gutgläubigkeit gefeit gegen alle Verletzungen und wird so tatsächlich glücklich. Es gibt viel märchenhafte Rauschebärte und exzessives Händegeflatter, aber die exzellenten Schauspieler halten die mit spätromantischer Klaviermusik unterlegte Aufführung in einem spannenden tänzerischen Fluss.

Die Argentinierin Lola Arias (sie inszenierte im Werkraum  „Familienbande“) erforscht in „Melancolía y manifestaciones“  dokumentarisch die jahrzehntelange Depression ihrer Mutter. Die brach nach Lolas Geburt 1976, dem Jahr des Militärputsches, aus. Die Tochter fragt anhand der Aufzeichnungen ihrer Mutter nach den Ursachen und beschreibt das von der Krankheit geprägte familiäre Leben. Die Verquickung von Privatem und Politischem lässt sich nicht aufklären, aber Arias' Inszenierung ist neben aller Recherche auch eine liebe- und stimmungsvolle Hommage.

Den chinesischen Regisseur Tian Gebing würde Simons gern für eine Inszenierung gewinnen, wenn die Politik es erlaubt. Tians freie Pekinger Truppe Paper Tiger Studio spielt noch heute „Reading“, eine Auseinandersetzung mit dem Lesen und den Sprachformen in China.

„Agoraphobia“ bis 17. Juni, 17 Uhr, Stadtraum, Anmeldung www.muenchner-kammerspiele.de/agoraphobia; Programm-Info www.muenchner-kammerspiele.de

Veröffentlicht am: 17.06.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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