"Verkommenes Ufer..." und mehr Heiner Müller im Residenztheater

Schließlich triumphiert die Kraft des Wortes

von Gabriella Lorenz

Wolfram Koch. Foto: Arno Declair

Seit 30 Jahren bringt Dimiter Gotscheff unermüdlich Heiner Müller auf die Bühne, dessen wortmächtige Stücke nach seinem Tod 1995 allmählich aus den Spielplänen verschwanden. Am Resi inszenierte der 70-jährige Bulgare vor drei Wochen Heiner Müllers „Zement“ - es war Gotscheffs erste Regie in München. Zusätzlich holte das Resi zwei Gotscheff-Gastspiele:  Handkes „Immer noch Sturm“ war in der Uraufführung von 2011 zu sehen, jetzt gastierte im Rahmen eines dreitägigen Heiner-Müller-Festivals das Deutsche Theater Berlin mit „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten / Mommsens Block“, auch 2011 inszeniert.

Mit „Zement“ zeigte Gotscheff  bilderstark den Umbruch  in Russland nach der Revolution, mit Handkes Stück illustrierte er narrativ eine politische  Familiengeschichte. In „Verkommenes Ufer...“ setzte er ganz auf die Kraft des Wortes. Auf die leere schwarze Bühne senkt sich ein langes gelbes Eisenrohr und zieht einen Primaten aus der Versenkung, der schnell den aufrechten Gang erlernt und das Verwenden der Stange als Waffe. So  positioniert sich der virtuose Wolfram Koch als Mann Jason, der seine Frau Medea verlassen hat. Medeas Abrechnung und Rache deklamiert  Almut Zilcher pathetisch als furiose Tragödinnennummer.

Ganz anders Margit Bendokat mit dem Solo „Mommsens Block“. Darin fragte Müller 1992, warum Mommsen nie den letzten Band seiner römischen Geschichte schrieb, und reflektierte seine eigene Schreibblockade nach der Wende. Bendokat unterläuft alle Bedeutungshuberei des  Dichters mit spielerischer Ironie und pseudo-naiver List und macht so das Finale zum Höhepunkt.

Veröffentlicht am: 29.05.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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