Zur Premiere von O'Neills "Seltsames Intermezzo" an den Kammerspielen

Ein existenzielles Drama

von Gabriella Lorenz

Sandra Hüller und Christian Löber (Foto: Jan Versweyveld)

Vier Männer prägen das Leben von Nina: Ihr gefallener Verlobter Gordon, den sie verklärt, ihr Ehemann Sam, ein pragmatischer Aufsteiger, der mutterfixierte Schriftsteller Charles, der sie anbetet und der Arzt Ned, den sie zum Vater ihres Sohnes und langjährigen Geliebten macht. Über 25 Jahre spannt sich Eugene O'Neills selten gespieltes Stück "Seltsames Intermezzo", das Ivo van Hove an den Kammerspielen inszeniert, mit Sandra Hüller als Nina. Zur heutigen Premiere hat der Kulturvollzug mit dem Regisseur gesprochen.

Der Belgier Ivo van Hove, Jahrgang 1958, inszenierte 2011 an den Kammerspielen "Ludwig II.", das nach dem Tod des Ludwig-Darstellers Jaroen Willems vom Spielplan genommen wurde. Die Toneelgroep Amsterdam, die van Hove seit 12 Jahren leitet, gastierte in München mit "Opening Night" und "Hedda Gabler". Ivo van Hove inszeniert auch Filme und Opern (Wagners "Ring" in Antwerpen); sechs Jahre war er Chef des großen Holland Festivals. Die renommierte Toneelgroep tourt weltweit.

Kulturvollzug: Herr van Hove, was reizt Sie an diesem Drama von 1928, in dem alle Figuren auch ihre Gedanken aussprechen?

Ivo van Hove: Ich habe schon viel von O'Neill inszeniert, "Gier unter Ulmen", "Alle Reichtümer der Welt", zwei Mal "Trauer muss Elektra tragen", als nächstes mache ich "Eines langen Tages Reise in die Nacht". Mich fasziniert diese experimentelle Form, die ich von keinem anderen Stück kenne. Hier wird alles ausgesprochen, es gibt keinen Subtext, kein Geheimnis.

Sandra Hüller, Stefan Hunstein (Foto: Jan Versweyveld)

Wie realisieren Sie die Parallel-Ebenen von Reden und Denken?

Das kann man nicht mit dem üblichen Beiseite-Sprechen spielen -für mich ist das alles ein durchgehender Text. Es wäre ein Fehler, das realistisch zu inszenieren. Es geht um einen Realismus der Seele, um die innere Welt auf der Bühne. Bei mir spielt alles in einer Arena, ohne jedes Requisit, ohne Videos. Amerika ist bei mir nicht vorhanden, ich will eine innere Welt. Es ist ein existenzielles Drama: Was ist der Sinn des Lebens, was sind die Schwierigkeiten?

O'Neill verortet es nach dem Ersten Weltkrieg.

Der war das Ende einer Epoche, das 19. Jahrhundert war definitiv vorbei. Es war ein grauenhafter, brutaler Krieg, die Menschen verloren ihre Ideale und ihren Glauben an Gott. Aber wie verhält man sich in einer neuen Welt? Die Figuren gehen immer neu auf die Suche nach dem Glück. Die neun Akte sind eigentlich neun eigene Stücke, die wie ein Phönix aus der Asche entstehen. Am Ende müssen die Figuren akzeptieren, dass es nur das relative Glück gibt. Im Stück steckt sehr viel von dem, was uns zu Menschen macht. Und O'Neill behandelt damalige Tabus wie Abtreibung und Psychotherapie - diese Themen sind auch heute präsent.

Sandra Hüller, Maximilian Simonischek (Foto: Jan Versweyveld)

Der Autor und seine Figuren sind sehr geschwätzig, das macht das Stück überlang.

Für ihn war es notwendig, aufzuschreiben, was er dachte und fühlte. Diese hohe Not der Figuren muss man zeigen. Die ist einerseits ganz persönlich, andererseits universal und überall zu verstehen. Das ist seine große Kraft. Wir haben natürlich gekürzt, vor allem am Ende. Reine Spieldauer sind drei Stunden und 45 Minuten, plus einer kleinen und einer großen Pause. Und es geht schnell - Gedanken sind ja schnell.

In Holland wurden die Kultursubventionen drastisch gekürzt. Wie trifft das die Toneelgroep Amsterdam?

Wir bekommen zwölf Prozent weniger, aber ich habe keinen meiner 22 Schauspieler entlassen. Um die Produktionsbudgets nicht zu kürzen, haben wir die Anzahl der Neuproduktionen uf fünf im Jahr reduziert. Zu den sechs Millionen Euro Zuschuss spielen wir 35 Prozent selbst ein - so haben wir einen Etat von etwa 8,5 Millionen.

Zum Vergleich: In München bekommt das Volkstheater acht Millionen von der Stadt, die Kammerspiele 32 Millionen.

Wir sind das größte Ensemble der Niederlande und gastieren in der ganzen Welt - demnächst in Chile, Moskau und Australien. Wir spielen fast 350 Aufführungen im Jahr: Über 150 in Amsterdam, über 80 Gastspiele in Holland und über 80 weltweit. Aber in Holland muss sich die Kunst immer beweisen. Wir müssen zeigen, dass wir etwas wert sind, dass wir eine Bedeutung für die Gesellschaft haben. Das ist in Deutschland anders, da wird Kunst höher geschätzt. Ohne Kunst wäre unsere Gesellschaft viel ärmer.

München sucht einen neuen Kammerspiele-Intendanten, weil Johan Simons 2015 aufhört. Könnte Sie das reizen?

Ich bin in Amsterdam sehr glücklich. Die Stadt ist ein internationaler Drehpunkt. Wir haben ein gutes kulturelles Umfeld mit großen Museen und einer lebendigen Musikszene. Unser Theater reist durch die ganze Welt, und es lässt mir die Freiheit, auswärts zu inszenieren. Ich inszeniere auch gern Opern und arbeite gern mit fremden Schauspielern. Danach komme ich immer mit frischer Energie zurück. Ein Angebot müsste schon sehr gut sein, damit ich da weggehe.

Kammerspiele, 30. Mai, 2., 9. Juni 2013, Tel. 089/23396600

Veröffentlicht am: 25.05.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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