Jan Decorte mit "O Death" in der Spielhalle

Stimm-Partitur in der Sprache eines naiven, schwarzen Märchens

von Gabriella Lorenz

Kristof Van Boven nackt mit roter Körperfarbe (Foto: Danny Willems)

Einen „genialen Narren“ nannte ihn die Presse schon Ende 80er Jahre, lange bevor der flämische Autor und Avantgarde-Regisseur wegen eines psychischen Zusammenbruchs   2004 die Premiere seiner „Orestie“-Nachdichtung in Antwerpen absagen musste. Mit Hilfe seiner Frau und Muse Sigrid Vinks hat sich der depressive Jan Decorte wieder stabilisiert, und Johan Simons ermöglichte ihm nun die späte Uraufführung von „O Death“ an den Münchner Kammerspielen.

Langer Beifall in der Spielhalle für eine Inszenierung, die alle Theaterregeln negiert und aus eklatanten Widersprüchen eine starke Faszination entwickelt.

Decorte erzählt sehr frei die „Orestie“ von Aischylos in der Sprache eines naiven, schwarzen Märchens nach, das genüßlich Metzeleien ausbereitet und dabei strotzt vor netten Verkleinerungen wie Äugelchen, Knäbelchen, Jüngelchen, Wachtelchen oder Lächelchen. Den pseudo-infantilen Märchenton kontrastiert die auf hohes Pathos getrimmte Sprechweise der Darsteller. Buchstabengetreu, so will es Decorte, müssen sie den Text exakt prononcieren, samt  der absichtlich falschen Grammatik und Orthografie (übersetzt von Sigrid Vinks) sowie seiner merkwürdigen Zeilenumbrüche, die Endungen ins nächste Wort hinüberzieht. Den hohen, durchaus ironisch und verwundert gesprochenen und gebrochenen Ton bebildern höchstens minimale tänzerische Arm- und Handbewegungen.

Figuren die spielen, aber auf der Bühne keine Rolle sind (Foto: Danny Willems)

Der Text benennt Figuren wie „der Blinde“, „der Verrückte“, oder „die(!) Blut“, aber die spielen und sind auf der Bühne  keine Rolle. Vinks trägt den Brustharnisch Athenes, spricht aber nicht als Göttin. Sie und die sechs Kammerspieler stehen vor einer großen Bleiwand mit drei kleinen Fenster, hinter denen Feuer lodern (Bühne: Johan  Daenen). Sie bewegen sich kaum, lauschen nur aufmerksam dem jeweiligen Solisten. Benny Claessens, Walter Hess, Oliver Mallison und Sylvana Krappatsch stecken in schwarzen Hosen mit einem Träger über der bloßen Brust, zwei Nackte tragen rote Körperfarbe wie ein Trikot (Anna Maria Sturm, Kristof Van Boven). Allmählich schleichen sich zeitlupenhaft kleine Gesten ein, die große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Niemand der fabelhaften Darsteller spielt  etwas - außer Jan Decorte am Lesepult mit schwer erträglicher Eitelkeit sich selbst als genialen Schöpfer-Narren und Orest.

Die Stimm-Partitur ergänzt der Musiker Stef Kamil Carlens (Kopf der Gruppe Zita Swoon)  an Gitarre und Fingerklavier   mit zartesten Zauberklängen (nur den Liedermacher sollte er sich sparen).

Das Premieren-Publikum war still gebannt von den Widersprüchen zwischen Text und Ton, Statik und Minimal-Gestik. Wer jedoch die  „Orestie“ nicht kennt, dürfte die nur in  bildungsbeladenen Andeutungen erzählte Geschichte kaum verstehen.

Kammerspiele, Spielhalle, 23., 24., 30. Mai 2013, 3., 6., 23., 26. Juni 2013, 20 Uhr, Tel.  233 966 00

Veröffentlicht am: 22.05.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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