"räuber.schuldengenital" im Marstall

Was habt ihr uns gelassen, um anders zu leben?

von Gabriella Lorenz

Erstaufführung von räuber.schuldengenital in Deutschland. Foto: Ewald Palmetshofer

Die Alten werden immer älter und die Jungen haben immer weniger Zukunftsperspektiven. „Die Jungen wollen jetzt schon erben, und weil die Alten noch nicht tot sind, müssen sie eben nachhelfen“, sagt Alexander Riemenschneider über das Stück „räuber.schuldengenital“ von Ewald Palmetshofer, das er im Marstall inszeniert.

Der Österreicher Ewald Palmetshofer (35), der Theaterwissenschaft und Theologie studierte, avancierte 2007 mit „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ zum Hausautor am Schauspielhaus Wien, „Theater heute“ kürte ihn zum Nachwuchsautor 2008. Seine Stücke haben sperrige Titel wie „faust hat hunger und verschluckt sich an einer Grete“ oder „tier. man wird doch bitte unterschicht“. Am Münchner Volkstheater war von ihm „wohnen. unter glas“ zu sehen. „räuber.schuldengenital“  wurde Ende 2012 in Wien uraufgeführt. Alexander Riemenschneider hat vor zwei Jahren schon ein Palmetshofer-Stück in Berlin inszeniert, persönlich lernte er den Autor erst danach kennen. In München war Palmetshofer in die Anfangs- und Endproben eingebunden. Meist ist die Einmischung des Autors bei Proben für Regisseure ein Horror. „Aber Palmetshofer mischt sich auf gute Weise ein, mit dramaturgischem Blick“, sagt Riemenschneider. „Er war offen für Änderungen und hat uns immer gefragt: Was stimmt für Euch, was stimmt nicht?“

Der Rheinländer Alexander Riemenschneider (32) wollte eigentlich Musiker werden. Nach der Schule tourte er mit Bands, kam neben dem Studium durch Hospitanzen am Theater Bonn zu Aufträgen für Bühnenmusik. Nach zwei Jahren als Regieassistent wollte er das, was eine Aufführung im Inneren zusammenhält, von Grund auf  lernen und studierte in Hamburg Regie. Danach inszenierte er am Hamburger  Schauspielhaus (da lernte er Martin Kusej kennen) und am St. Pauli-Theater, zuletzt „Tschick“ am Deutschen Theater Berlin - und bekam immer wieder Preise für seine Aufführungen. Seit 2012 ist er Hausregisseur in Bremen. In München stellte er sich im Rahmen des Marstall-Plans mit  Max Frischs „Fragebogen“ vor.

Generationenkonflikt im Marstall Foto: Ewald Palmetshofer

In Palmetshofers Stück kehren zwei Versager-Söhne nach Hause zurück, um die Eltern auszuplündern. Was den Regisseur fasziniert: „Das Gefühl, dass Alte und Junge überhaupt nicht zusammen kommen in ihrem Fühlen und Denken. Die Wut, mit welcher der Text diese Kluft, die zeitlebens nicht geschlossen wird, verhandelt, zieht das Ganze ins Große. Die Jungen wollen jetzt erben, und müssen eben dafür sorgen, weil die Alten noch nicht tot sind. Danach merken sie, dass sie eigentlich mehr wollten als Geld. Aber mehr gibt es nicht. Die Frage ist: Was habt Ihr uns gelassen, um anders zu leben? Im Gefühl der Alternativlosigkeit geraten die Jungen schnell auf die Bahnen der Alten.“

Die sind bei Palmetshofer unsterblich, und das rätselhafte Stück beginnt eigentlich vom Ende her. Riemenschneider sieht das Rätsel in der zeitlichen Struktur: „Die Zeit ist aus den Fugen geraten. Die Figuren kommen aus unterschiedlichen zeitlichen Richtungen wie auf eine Lichtung, auf der sich die Kontur eines Puzzles zusammensetzt, ohne das Puzzle ganz aufzulösen.“ „Man muss sehen, wofür diese Metaphern der mörderischen Kinder und der unsterblichen Eltern in der Gesellschaft stehen“, sagt er. „In Spanien und Griechenland hat das eine zentrale Aktualität. Viele Handlungen der Kinder rühren daher, dass ihnen sowieso alles egal ist.“

Palmetshofer schreibt poetisch überhöht. Vor allem die von ihrer Rollstuhlmutter geknechtete Nachbarstochter, die in den Räubern ihre Befreier sieht, spricht in Gedichten. „Der Autor stellt extrem die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Welt“, sagt Riemenschneider. „Die Figuren sprechen aus, was sie sehen und fühlen, als müssten sie das auf der Bühne erschaffen, weil man es bei uns nicht sehen wird.“ Bühnen-Realismus erlaubt diese Sprache nicht, aber eine gewisse Realität muss sein. Der Regisseur  sieht im Stück auch einen Gottesdienst und ein Ritual, und fragt: „Wie verleiht man dem wieder Einfachheit, ohne es klein zu machen? Welche Handlungen leisten das, was die Sprache nicht kann? Und wieviel Handeln ist möglich in dieser Welt?“ Große Fragen.

 

Veröffentlicht am: 21.05.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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