"Fast ein bisschen Frühling" im Schwere Reiter

Mit dem Finger zu nervös am Abzug

von Gabriella Lorenz

"Fast ein bisschen Frühling". Foto: Malte Kreutzfeldt

Der böse Wolf verliebt sich ins weintrinkende Rotkäppchen: Da flimmern im Video von Malte Kreutzfeldt  über dem Scherenschnitt-Wolf Herzchen. Die flimmern unsichtbar auch über zwei deutschen Bankräubern, die 1933 auf der  Flucht nach Indien in Basel hängen bleiben - wegen der  Schallplattenverkäuferin Dorly Schupp. Diesen authentischen Fall hat der Schweizer Alex Capus 2002 in dem Roman „Fast ein bisschen Frühling“ dokumentiert. Die freie Gruppe Fräulein Freundlich mit Regisseur Jörg Witte und der Schauspielerin Tanya Häringer machte daraus eine Media-Performance, die gerade beim Figurentheater Erlangen Premiere hatte und jetzt im Schwere Reiter gastiert.

Jörg Witte, bis 2010 Leiter des Pathos Transport und nun auf eigenen Wegen, inszenierte  einen Mix aus Schauspiel, Puppenspiel und Video. Zwischen der Dorly-Darstellerin

Tanya Häringer und den von Peter Lutz gespielten Puppen der adretten Mörder gibt es zauberhafte, komische Szenen: Die Jungs bestellen eine Schallplatte nach der anderen, nur um wiederkommen zu können. Dorly tanzt zärtlich und anrührend mit dem Charmeur Kurt - er und Valdemar sind Handpuppenköpfe über langen Mänteln -, mit beiden wagt sie sich grotesk stolpernd auf Schlittschuhe. Dass Häringer jedoch ihre private Basler Familiengeschichte hineinmischt, bringt keinerlei Erkenntnisgewinn. So witzig das zunächst ist, wenn sie mit Klebestreifen auf dem Boden den Stadtplan von Basel markiert, so überflüssig ist es.

Die ambitionierten Videos wollen erklären, warum zwei sozial frustrierte Jungs rauben und sieben Menschen ermorden, weil ihnen als Nichtprofis der Finger zu nervös am Abzug sitzt. Doch die Bilder ergänzen die szenische Aktion nicht, sondern stehen unverbunden, teils  überlagernd daneben. Und die greisenhafte Babypuppe auf der Schaukel bleibt auch nur ein starkes, aber unerschlossenes Symbol.

Schwere Reiter, Dachauer Straße 114, Nur noch heute (Sonntag, 19. Mai 2013), 20.30 Uhr, Tel. 0151 5744 5359

Veröffentlicht am: 19.05.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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