Gorkis "Kleinbürger" im i-camp

Lautstarke Zumutung mit Überlänge

von Gabriella Lorenz

Die Darsteller nerven mit Dauergeschrei (Foto: Silke Schmidt)

Klingt spannend: Drei Sichtweisen auf das selten gespielte Stück „Kleinbürger“ von Maxim Gorki an einem Abend. Claus Peter Seifert und Jutta Masurath inszenierten je eine Bühnen-Kurzfassung, Robert Spitz drehte einen kleinen Film. Gorkis Erstling war bei der Uraufführung 1902 ein Flop.  Dieses Experiment  ist es auch. Und mit dreieinhalb Stunden eine Zumutung. Auch fragt sich, wen außer Insidern drei nur leicht variierte Lesarten derselben Version  interessieren.

Denn die wohl gemeinsam erstellte Bearbeitung erschließt nur unzulänglich das Verhältnis zwischen Familienmitgliedern und anderen Hausbewohnern. Man rätselt also heftig, wer wer ist. Drei verschiedene Fassungen hätten andere Facetten beleuchtet.

Robert Spitz hat das Wichtigste des Plots in 30 Minuten auf ein Abendessen verdichtet (Vinterbergs „Fest“ lässt grüßen), kommt jedoch über abgefilmtes Theater nicht hinaus. Dieselben Schauspieler nerven danach in Jutta Masuraths konventioneller Regie 80 Minuten mit Dauergeschrei. Weil's um die autoritäre Familienstruktur geht, brüllen die Männer um die Wette. Mit prallem Furor spielt Anja Neukamm die lebenslustige Untermieterin Jelena, die hier mit der Figur des Alkoholikers Teterew verschmilzt. Das hat Witz.

Teterew als philosophischer Narr mit leisen Tönen (Foto: Silke Schmidt)

Diesen Mieter Teterew macht Seifert als eigene Figur zum philosophischen Narren. Da darf Stefan Krischke, vorher der Kreisch-Vater, leise Zwischentöne zeigen. Die Eltern sprechen bei Seifert nur als Zitate oder Erinnerung durch die frustrierten, perspektivelosen Versager-Kinder. Ständig wabert Bodennebel, und man tänzelt zu A-cappella-Popsongs. Masurath und Seifert haben beide dem Ziehsohn Nil als Kämpfer für eine bessere Zukunft eine aktuelle Wutrede in den Mund gelegt, die nach Stéphane Hessels „Empört Euch!“ klingt. Schließlich war Gorki ein scharfer  Sozialkritiker und Klassenkämpfer.

Der Schauspieler und Regisseur Claus Peter Seifert gründete 2001 das Theater Halle 7, das   beschäftigungslose Theaterleute  mit Hilfe des Arbeitsamtes vorübergehend engagierte. Halle 7  ist in das Theater Werkmuenchen übergegangen, Seifert gründete mit Jutta Masurath nach dem gleichen Modell 2011 die Coach Company. Dass man möglichst viele Schauspieler auf einmal zeigen will, erklärt vielleicht die Dreier-Idee. Aber die  bräuchte ein wesentlich strengeres (Zeit-)Konzept.

i-camp, Entenbachstraße 37, 4. Mai 2013, 20.30 Uhr, 5. Mai, 19.30 Uhr, Tel. 65 00 00

Veröffentlicht am: 04.05.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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