Zur Ausstellung "Kendell Geers 1988 — 2012"

Erlebtes wird erlebbar

von Barbara Teichelmann

Provokation inklusive: "Fuckface" nannte der südafrikanische Künstlers Kendell Geers dieses Selbstporträt von 2007, Foto: Haus der Kunst

Wo hört Politisches auf, wo fängt Privates an? Eine Werkschau des südafrikanischen Künstlers Kendell Geers im Haus der Kunst.

Mit 15 Jahren warf er sich mit voller Wucht und allem, was er hatte in die Welt, mit all der Verletzlichkeit seines Körpers und all der Empörung seines Geistes. Mit 15  haute Kendell Geers von zu Hause ab und schloss sich der militanten Anti-Apartheid-Bewegung an. Er verweigerte den Militärdienst und floh, um nicht ins Gefängnis zu kommen, nach Großbritannien und weiter nach New York. Als Nelson Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, kehrte er zurück in seine Heimat Südafrika.

Wer Kendell Geers Kunst verstehen möchte, muss sich mit seinem Leben auseinandersetzen, denn das eine mündet in das andere und begründet wiederum das eine. Geers Werk ist sein Lebenswerk, eine provokative Symbiose aus privat und politisch. So ist es nur konsequent, dass einem gleich zu Beginn der Ausstellung "Kendell Geers 1988-2012" im Haus der Kunst der Künstler selbst entgegenblinzelt: "Bloody Hell" (1990) heißt das blutüberströmte Selbstporträt. Diese erste Arbeit auf afrikanischem Boden ist eine Art Initialritus mit eigenem Blut, der Sohn einer weißen Arbeiterfamilie aus Kapstadt, gebiert sich aus eigener Kraft neu. Sein erstes fiktives Geburtsdatum datierte Geers aus Bewunderung für die Studentenrevolte in das Jahr 1968, 1990 begann also sein zweites Leben als Künstler.

Selbsterfahrung inklusive: Labyrinth aus Stacheldrahtzaun und abgründigen Spiegelböden, Foto: Maximilian Geuter

Schlagstöcke aus Muranoglas, die sich zu ästhetischen Gebilden fügen, eine Armee aus Ziegelsteinen, die wie eine abstrakte aber latente Anwesenheit von Gewalt an Schnüren von der Decke baumelt… Installation, Skulptur, Zeichnung, Video, Performance, Fotografie – Geers hat kein Problem sich der unterschiedlichsten Medien und Gattungen zu bedienen, solange es dem Transport der jeweiligen Botschaft dient. Die Ausstellung macht die Entwicklung seiner künstlerischen Sprache in zwei Werkphasen sichtbar: Von 1988 bis 2000 beschäftigte sich Geers mit den Widersprüchen und Auswirkungen der Apartheid. Schlagstöcke, LKW-Reifen garniert mit einem rassistischem Kinderreim, Nato-Draht, eine Fotoserie aus Johannesburg, die Mosaike aus Schildern privater Sicherheitsfirmen zeigt, die mit Gewaltanwendung werben und gleichzeitig Angstlosigkeit versprechen. Apartheids-Alltag in Südafrika.

2000 zog es den Künstler nach Belgien, und auch in dieser zweiten Werkphase geht es vornehmlich um die permanente Anwesenheit von Gewalt: ein mit Glasscherben gespickter Obelisk, das Wort "Fuck" in Variationen auf afrikanischen Menschen- und Tierschädeln. Am nachhaltigsten wirken die Arbeiten, die für den Betrachter körperlich erfahrbar werden, zum Beispiel die Installation "PostPunkPaganPop" von 2008. Verunsichert tastend bewegt man sich Schritt für Schritt über den irritierenden bodenlosen Spiegelboden durch das böse Labyrinth aus Stacheldraht. Da wird Abstraktes konkret und Politisches privat.

Bis zum 12. Mai 2013 im Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1 in München, Montag bis Sonntag 10 bis 20 Uhr, Donnerstag 10 bis 22 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 8 Euro.

Veröffentlicht am: 09.04.2013

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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