Geschichten aus dem Wienerwald am Volkstheater - der Vorbericht

Die alltägliche Bosheit und die Liebe

von Gabriella Lorenz

Lenja Schultze und Max Wagner fragen "Liebst Du mich so, wie Du sollst" (Foto: Arno Declair)

In den Anfängen seiner Intendanz hat Christian Stückl gesagt, einen Horváth werde er nie selbst am Volkstheater machen. Die beiden bisherigen Horváth-Stücke am Haus,  „Kasimir und Karoline“ sowie „Die Unbekannte von der Seine“,  haben andere inszeniert. Jetzt macht sich der Hausherr doch selbst an die „Geschichten aus dem Wienerwald“. Seinen Sinneswandel erklärt er freimütig und selbstkritisch:  „Als ich das neu gelesen hab', hab' ich sofort gedacht: Warum war ich vorher so engstirnig?“  Weil der Regisseur sich den Fußknöchel brach, musste die Premiere verschoben werden: Am Montag geht sie über die Bühne, mit Lenja Schultze als Marianne. Die Endproben hat Stückl an Krücken absolviert.

Stückls Vorbehalte gegen den austro-ungarischen Dichter Ödön von Horváth rührten aus der Debatte, die vor seinem Amtsantritt über die Definition von Volkstheater tobte - da gehörte Horváth zum festen Kanon der unabdingbaren Autoren. Außerdem habe er immer das Gefühl gehabt, Horváth bleibe „zu sehr in seiner Zeit hängen“. Horváths Zeit waren die 20er und 30er Jahre, „Geschichten aus dem Wienerwald“ wurde 1931 uraufgeführt. Aber schon in der ersten Szene katapultieren einen Sätze des Strizzi Alfred in die heutige Wirtschaftskrise: „Die Arbeit im alten Sinne rentiert sich nicht mehr. Wer heutzutage vorwärtskommen will, muss mit der Arbeit der anderen arbeiten.  Ich hab mich selbstständig gemacht. Finanzierungsgeschäfte und so.“ Die haben zwar nichts mit Banken zu tun, sondern mit Pferdewetten, aber wie man andere, vor allem Frauen, für sich arbeiten lässt, weiß der Kleinganove gut.

Johanna Meier, Jean-Luc Bubert, Ursula Burkhart (Foto: Arno Declair)

Horváths Figuren sind in ihrer selbstgerechten Gemütsrohheit zum Teil direkte Vorläufer von Qualtingers Herrn Karl. „Horváth hat in der Zeit, als er in München lebte, viel Volkstheater gesehen“, erklärt Stückl. „Und als Gegenreaktion seine Stücke geschrieben: So ist das Volk, nicht wie in euren süßlichen Stories. In den 50er Jahren hätte er wahrscheinlich gegen Peter-Alexander-Filme geschrieben.“ Wie empfindet er, der im Oberammergauer Dialekt zu Hause ist, Horváths süddeutsche Kunstsprache? „Ich reagier' gar nicht so sehr auf Sprache, sondern auf das, was sie aussagt. Und da fällt auf, mit welcher Bösartigkeit die Figuren miteinander umgehen.“

Besonders der Metzger Oskar, den Marianne nach dem Willen ihres engstirnigen Vaters, des Spielwarenhändlers Zauberkönig, heiraten soll, „lebt in seiner Religiosität und einer unglaublichen Boshaftigkeit“, so Stückl. „Wen Gott liebt, den züchtigt er“, solche Bibelsprüche sind Oskars Trost für die am Boden zerstörte Marianne. Als Zitat berühmt geworden ist seine Drohung: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen.“

Davor flieht Marianne  - in die Arme des leichtlebigen Hallodri Alfred. Sie hat als einzige die Gesetze der alltäglichen Bosheit noch nicht gelernt. Aber als reines Hascherl will Stückl sie nicht sehen: „Die möcht' auch mal bös sein, aber sie bleibt völlig in ihrem Kreis gefangen. In die Beziehung rumpelt sie sehr naiv und unbedarft rein, weil sie die Liebe noch nicht kennt und Alfred für die Liebe ihres Lebens hält. Beim ersten Treffen im Park kommen vergrabene Wünsche aus ihr heraus: Was wollte ich eigentlich vom Leben? Beide stellen dieselbe Frage: Liebst Du mich, wie Du sollst? Aber jeder denkt dabei an anderes: Sie an Romantik, Mond und Sternen, er an Sex. Und sie scheitert total an dieser Liebe.“

Mit Alfred erlebt sie unbekannte Gefühle. Stückls Bild dafür: „Wenn man kein Speiseeis kennt, vermisst man's nicht. Aber wenn man Eis entdeckt hat und es immer wieder will, wird man dick davon.“ Marianne wird dick, nämlich schwanger. Das Kind schickt Alfred zu seiner Mutter, Marianne als Nackttänzerin in einen Nachtclub. Sie landet im Gefängnis, Alfred wanzt sich wieder bei der ältlichen, sexsüchtigen Valerie an, die ihn vorher schon ausgehalten hatte. „Spannend und verrückt“ findet Stückl die Valerie: „Ein überreifer Apfel, der nicht vom Baum runter will. Die jungen Männer, an die sie sich ranmacht, haben schon gelernt, wie man mit so einer spielt.“ Und Mariannes Unglück wird am Ende in der Ehe mit Oskar zementiert.

Volkstheater, Premiere 25. März, 19.30 Uhr, Tel. 523 46 55

Veröffentlicht am: 25.03.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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