Kritik zu "Kabale und Liebe" im Resi

Die Selbstzerstörungskraft der absoluten Liebe

von Gabriella Lorenz

Andrea Wenzl als Luise und Hanna Scheibe als Lady Milford (Foto: Matthias Horn)

Am Anfang erzählt ein leises Textfetzen-Gewirr in Luises Kopf von ihrer Liebe. Am Ende auch. Ist das Ganze ein Albtraum, der Lebensfilm, der in einer Sterbenden abläuft? Die Inszenierung suggeriert das, beglaubigt es aber nicht hinreichend. Doch dazwischen erzählt die Regisseurin Amélie Niermeyer im Residenztheater mit Schillers „Kabale und Liebe“ in knapp zwei Stunden das Scheitern absoluter Ansprüche.

Michael Klammer und Andrea Wenzl sind ein Paar, das Schillers irrwitziges Liebespathos heute so spricht und spielt, dass  man es ihnen glaubt. Premieren-Bravos für die beiden, einzelne Buhs für die Regisseurin.

Da haben sich zwei gefunden, die nie zusammen kommen können: Die Kleinbürgerstochter Luise und der Staatspräsidentensohn Ferdinand.  Sie verrennen sich eine unmögliche Liebe. Die Welt, gegen die sie nichts ausrichten können, ist ein riesiger, hermetischer, drehbarer Kubus (Bühne: Stéphane Laimé). Der schleudert aus unsichtbaren Türen die anderen Figuren so heraus, dass sie oft auf die Bühne stürzen. Alles spielt vor dem Würfel, die Personen drängen sich an die Gummiwände, oft haltsuchend mit hochgereckten Armen, oft auch dagegen gepresst in scheinbar haltloser Höhe. Luise schiebt das Monster zum Drehen an -  so wie sie auch Ferdinand anschiebt.

Eine hoffnungslose Umklammerung. Andrea Wenzl als Luise und Michael Klammer als Ferdinand (Foto: Matthias Horn)

Andrea Wenzl ist ergreifend eine selbstbewusste junge Luise, die  weiß, was sie will, was möglich und unmöglich ist. Anders als Ferdinand: Michael Klammer zeigt mit enormer Präsenz einen Wirrkopf, der gerne auch seinen staatstragenden Vater stürzen würde, aber beim ersten Untreue-Verdacht zum Mörder an seinem falsch überhöhten Liebesideal wird. Im Gespräch mit der Fürsten-Mätresse Lady Milford, die er zu deren Ehrenrettung heiraten soll, zeigt er sich in ihrer Umklammerung auch sehr verführbar. Hanna Scheibes Milford bleibt in mondänen Posen verhaftet, die radikalen Sinneswechsel nimmt man ihr nicht ab.

Ganz und gar unglaubwürdig bleibt die Figur  des Kammerdieners, der ihr die Brillanten des Fürsten wütend vor die Füße auf den Boden knallt. Miguel Abrantes Ostrowski  muss im gleichen abgerissenen Kostüm auch den Hofmarschall von Kalb (hier mal kein tuntiger Geck) verkörpern, den man zur Intrige braucht. Diese Gleichsetzung funktioniert nicht.

Amélie Niermeyer will von der Selbstzerstörungskraft absoluter Liebes-Ansprüche erzählen: Die Kabale tritt da in ihrer Inszenierung in den Hintergrund. Die Intrige, die Schillers Drama auch zum Krimi macht, wird eher beiläufig abgehandelt zwischen dem Präsidenten von Walter und seinem Sekretär Wurm. Der ist bei Shenja Lacher ein gar nicht komischer, gefährlicher Strippenzieher. Guntram Brattia zeigt als Präsident weniger den Politiker, sondern den gekränkten, wütenden Vater, dessen Sohn nicht so will wie er. Auch der andere Vater ist ein zorniger Heißsporn: Götz Schulte als aufbrausender Miller ist genauso seiner Standesehre verhaftet wie der Präsident.

Wo man sich liebt, ist man sich nah: Man springt auf die Hüften des andern, krallt sich an der abweisenden Kubuswand  fest  und prügelt sich auch. Niermeyer inszeniert das Trauerspiel der Liebe mit dem Fokus auf eine starke Frau. Nicht alles ist stichhaltig, aber das überzeugende Liebespaar macht die Aufführung sehr   spannend.

Residenztheater, 26. Feb., 2., 5., 11., 12., 27., 30. März, 3. April 2013, 19.30 Uhr, Tel. 2185 1940

Veröffentlicht am: 26.02.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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