"Atlantropa" in der Schauburg

Ein verhiphopstes Großprojekt ergibt ein Kleinprojekt. Auch Helmut Stange rettet es nicht

von Gabriella Lorenz

Auf der Suche. Nach was? (Foto: DigiPott)

Es gibt nur einen Grund, diese Aufführung "Atlantropa" anzuschauen: den wunderbaren Helmut Stange. Der über 80-jährige war im Dorn-Ensemble der größte aller Chargenspieler: Das sind die, die nie Hamlet oder Macbeth spielen, sondern immer die Nebenrollen. Was Stange daraus machte, blieb stets unverwechselbar wie sein liebevoller Diener in "Cymbelin" oder sein treuer Knecht in "Käthchen von Heilbronn".

Wenn Helmut Stange nun im Hausmeister-Kittel kurz durch den Bühnen-Lesesaal schlurft, Papiere bringt oder ein Mikro prüft, steht da wortlos sofort eine lebendige Figur. Großartig!

Aber das Team ausbau.sechs um Sebastian Linz, der in der Ausprobier-Reihe "Next Generation 6" in der Schauburg "Atlantropa" inszenierte, hatte vor lauter Gehiphopse wohl keine Zeit, diesem großen Schauspieler zuzusehen, wie Kunst aus Minimalismus entsteht. Man hatte ja ein gewichtiges Thema: Das größenwahnsinnige, aber reale Atalantropa-Projekt des Baumeisters Herman Sörgel (1885-1952) recherchiert zu haben, ist ein Verdienst. Sörgel wollte 1927 das Mittelmeer durch einen Staudamm bei Gibraltar abschotten, im Laufe von 250 Jahren den Wasserpegel um 200 Meter senken, Land gewinnen, Wasserkraftwerke bauen und Wüsten in Afrika fluten. Europa und Afrika sollten zum Großkontinent Atlantropa verschmelzen.

Der großartige Helmut Stange (Foto: DigiPott)

Wie Sörgel lebenslang um sein Mittelmeerprojekt kämpfte und es stets den herrschenden Ideologien anpasste, macht die Dokumenten-Kompilation sehr klar. Aber Sebastian Linz wollte mehr ale eine szenische Lesung und inszenierte sinnfreien Performance-Aktionismus: Einer hüpft wild rum, einer wälzt sich im Sandkasten, eine bekritzelt manisch den Boden, eine kippt Tische um. Doch dann verweist Helmut Stange als Goethe auf dessen "Faust II", und der Schlusssatz zur Beerdigung des Projekts 1958 deutet das Problem des Energiewandels an. Auf solche Bezüge hat man 90 Minuten gewartet. Ein tolles Thema, toll idiotisch verhopst.

Noch bis zum 18. Februar 2013 in der Schauburg, 19.30 Uhr, Tel. 089/233 71 55

Veröffentlicht am: 17.02.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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