"Lola Montez" im Cuvilliéstheater

Viel Leerlauf und noch mehr Krach

von Gabriella Lorenz

Zwei Lolas - die eine hingebend, die andere dominant. Foto: Thomas Dashuber

Das wahre Leben der falschen Lola Montez war zweifellos aufregender als diese Aufführung im Cuvilliéstheater. Nicht mal die Pikanterie, dass die selbsternannte Anadalisierin aus Irland in der Audienz vor  Ludwig I. den Busen entblößte, um tänzerische (!) Qualität zu beweisen, gönnen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel in ihrer "Lola Montez"-Inszenierung dem Publikum.

Das steht halt nicht in dem großspurig "dramma per musica" genannten Operettlein "Lola Montez", das Peter Kreuder und Librettist Maurus Pacher 1972 schrieben. Uraufgeführt wurde es erst 2003, danach mit Recht kaum je wieder. Müsste auch jetzt nicht sein: Aber die Berliner Regisseure Kuttner und Kühnel wollen natürlich die Operetten-Klischees nur bedienen, um sie zu brechen. Beim Bestaunen der Brüche zwischen einer altbackenen Unterhaltungs-Inszenierung und schriller Punk-Provokation bleibt's dann auch. Dennoch viel Premieren-Beifall.

Zwischen Kreuders Wohlfühlmusik (vom Leife-Quintett und Rudolf Gregor Knab) dreschen Keyboarderin Pollyester und ihre zwei Schlagzeuger mit Heavy-Metal brutalstmöglich auf die Trommelfelle ein. Halten die das Cuviliés-Publikum grundsätzlich für alters-taub? Viele Zuschauer, die sich die Ohren zuhielten, waren nicht so schwerhörig wie die Regisseure und die Jung-Musiker, die vor lauter Dröhnungs-Gewöhnung nicht verstehen, dass man in einem so delikaten Theaterraum die Dezibel anders dosieren muss als in einer Techno-Halle. Denn eigentlich sollte das ja Theater sein. Dank hervorragender Schauspieler ist es das auch - mit gelegentlicher Operettensüffigkeit und trotz wütender Elektro-Punk-Orgien.

Anrührend traurig-komisch: Oliver Nägele als Ludwig I. Foto: Matthias Horn

Die selbstbewusste, 25-jährige Hochstaplerin, die den alternden König schnell nach ihrer Pfeife tanzen lässt, tritt doppelt auf: Katrin Röver und Genija Rykova unterscheidet nur, dass die eine die Blume rechts, die andere links im Haar trägt. Laut Regiekonzept soll die eine Lola hingebend, die andere dominant sein - das muss man erraten. Aber beide singen wunderbar im Duett. Warum sie im Schlepptau den schwulen Bébé (Lukas Turtur gibt das Tuntenklischee) brauchen, erfährt man nicht. Der anrührend traurig-komische Ludwig I. von Oliver Nägele verkriecht sich am liebsten im Bett, wo die hinreißende Katharina Pichler als Hausfurie die Laken grade ziehen muss (Bühne und Licht: Jo Schramm).

Zwischen ihnen und Nebenfiguren wie dem Skurrilen Maler Stieler (Arthur Klemt), dem übereifrigen Polizeidirektot (Götz Argus) sowie Lolas unglücklichem Liebhaber Nussbaumer (Wolfram Rupperti) samt Männerchor tobt in "Reflexionspausen" auch Jürgen Kuttner als Zirkusdirektor über die Bühne - ein Zitat aus Max Ophüls' "Lola Montez"-Film von 1955. Hier allerdings völlig überflüssig. Kuttner will mit theoretischen Texten (u.a. der Feministin Valerie Solanas) Lola als moderne, unabhängige, selbstbestimmende Frau zeigen. Glückt ihm. Wirkt aber nicht zurück in die Inszenierung, sondern bleibt halt ein typisch Kuttnersches Solo.

Am Bierpreis scheitert Lolas Erfolgstraum nach nur zwei Jahren: Weil Ludwig I. ihretwegen die Steuern erhöht hat, stürzt ihn das Volk in der Märzrevolution von 1848 vom Thron und verjagt die verhasste Lola. Bis dahin herrscht zwischen einigen gelungenen Szenen viel Leerlauf und noch mehr Krach. Aber Nägeles verlassener König spielt ein wundersam zartes Schlusslied.

Cuviliéstheater, 31. Jan., 11., 16., 19., 23. Feb., 1. März 2013, 19.30 Uhr, Tel. 089/2185 1940

Veröffentlicht am: 30.01.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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