BR-Symphonieorchester auf Reisen

Mariss Jansons bringt Beethoven nach Japan

von Volker Boser

Wer berühmt werden will darf nicht nur im Gasteig musizieren (Foto: Volker Boser)

Um in einem erstklassigen Haus zu spielen braucht das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks keinen neuen Konzertsaal. Es reist einfach nach Japan und spielt dort alle Beethoven-Symphonien. Die Japaner waren begeistert und uns Münchnern bleibt immer noch die Möglichkeit, die Konzerte von CD zuhause zu hören.

Schon lange hatte sich Mariss Jansons, der Chefdirigent des Rundfunksymphonieorchesters, gewünscht, in einem der schönsten Konzertsäle der Welt alle Beethoven-Symphonien zu musizieren. In Tokios berühmter Suntory Hall wurden die Münchner Musiker dafür mit Ovationen überhäuft, deren Heftigkeit und Dauer selbst erfahrenen Konzertbesuchern aus Old Europe bisher unbekannt waren. Zum Glück hatte der Bayerische Rundfunk noch rasch eine CD-Box ins Rennen geschickt, von der nach dem ersten Konzert sofort 120 Exemplare verkauft wurden. Vorerst wird diese Beethoven-Sammlung allerdings nur in Japan erhältlich sein.

Die Zeiten haben sich geändert: Als das berühmte Philadelphia Orchestra 1955 seine erste Europa - Tournée ankündigte, hagelte es wütende Proteste. Viele Abonnenten waren der Auffassung, das Orchester habe seine Aufgaben zuhause zu erfüllen und nicht anderenorts zu zeigen, wie gut es ist.  Die Devise heute: Wer nicht oder nur wenig unterwegs ist, wird nicht oder nur wenig wahrgenommen. Der Manager des BR - Symphonieorchesters Stephan Gehmacher bringt es im Gespräch in Tokio auf den Punkt: „Um unter den Großen mitzuhalten, muss man überall präsent sein. Wer daheim bleibt, wird nicht berühmt.“  Und dann setzt er sogar noch eins drauf: „Für den BR ist ein Konzert in Tokios Suntory Hall kommerziell weitaus sinnvoller als jeder Auftritt im Herkulessaal.“

Dass dennoch der eine oder andere freie Platz zu entdecken war, ist bei Kartenpreisen von 110 bis 350 Euro nicht verwunderlich. Beim Tokyo Symphony Orchestra hätte man einen Tag nach dem letzten BR-Auftritt an gleicher Stelle eine Menge Musik –Mahlerlieder plus Bruckner-Symphonie -  schon für 20 Euro genießen können.

Für viele europäische Beine im kurzbeinigen Fernost ein Muss: gestapelte Stühle (Foto: Volker Boser)

Mariss Jansons und Beethoven – das ist wohl schon lange eine Liebesaffäre: Der Maestro schwärmt von dem „musikalischen Tempel“, den Beethoven erbaut hat und auch davon, wie ihm der Originalklangspezialist Roger Norrington „viele Türen geöffnet“ habe. Das überrascht. Die Musiker bestätigen, dass die Tempi ihres Chefs im Laufe der Jahre rascher geworden sind. Im Finale der Neunten dürften das vor allem die fabelhaften Solisten Christiane Karg, Mihoko Fujimura, Michael Schade und Michael Volle gespürt haben. Aber die Grundhaltung Jansons ist romantisch geblieben: „Als ich das Heiligenstädter Testament gelesen habe, musste ich weinen“, bekennt er, „und zur gleichen Zeit entsteht die zweite Symphonie! Wie passt das zusammen?“

 

Viel Zeit, solche Gedanken zu vertiefen, blieb nicht. Denn der Fernost-Trip der BR-Crew von Seoul über den Süden Japans nach Tokio erforderte eine Menge an Konzentration auf den musikalischen Alltag. Der japanische Rundfunk NHK nahm die Konzerte in Tokio fürs Fernsehen auf. Später sollen sie auf DVD erscheinen. Das bedeutete am Tag der Aufführung  Probe in Frack und Abendrobe sowie danach, ebenfalls in voller Montur, „Patch-Sessions“ für die erforderlichen Korrekturen. Wenig Zeit also für Sushi und Sightseeing.

Proben mit Maestro Jansons, bis auch der letzte Schlägel passt (Foto: Volker Boser)

Dass Mariss Jansons ökonomisch und effektiv zu probieren versteht, erleichterte den Stress ein wenig. Der Maestro weiß, dass alle Orchester an den gleichen Stellen einer Partitur Probleme haben – die einen mehr, die anderen weniger. Seine Anweisungen sind ruhig und bestimmt. Als ihm im Andante der ersten Symphonie die Pauke zu dumpf schien, insistierte er sanft, aber energisch so lange, bis Rainer Seegers von den Berliner Philharmonikern, der den erkrankten Münchner Kollegen vertrat, die Schlägel wechselte.

 

Weil der Maestro jedes Werk nur in der Besetzung aufführt, mit der er es einstudiert hat, war zwischen den einzelnen Symphonien bisweilen ein großes Kommen und Gehen zu beobachten. Sobald die Oboen wechselten, hatte dies naturgemäß auch eine Änderung des Klangbildes zur Folge. Die Frage, ob er dies ausdrücklich so wünsche, umschifft Mariss Jansons  geschickt: „Ich mische mich da nicht ein. Wer spielt, entscheidet das Orchester.“

Gelegentlich war dann aber doch zu spüren, wie sehr ihn das alles anstrengt. Gerüchte, dass sich der BR mit Daniel Harding bereits einig sei, falls Mariss Jansons seinen Vertrag, der bis 2015 geht, nicht verlängern möchte, dementierte Stephan Gehmacher gelassen: „Wir wollen unseren Chefdirigenten so lange wie möglich an uns binden. Und ansonsten gilt weiter, dass neben den großen alten Herren wie Bernhard Haitink eben auch die jüngere Generation bei uns dirigieren soll, also Franz Welser-Möst, Esa - Pekka Salonen und eben auch Daniel Harding.“

Am überzeugendsten gelangen in Fernost die eher unspektakuläre zweite Symphonie und die Pastorale. Die Neunte erhielt vor allem durch den zum ersten Mal in Japan gastierenden BR-Chor zusätzlichen Glanz. Sie gehört in Japan zum absoluten Muss und wird bis zum Jahreswechsel nahezu täglich irgendwo im Lande aufgeführt.

Die leidige Konzertsaaldebatte blieb im Übrigen diesmal ausgespart. Nur ein Geiger traute sich: „Wenn wir in München einen solchen Saal hätten wie die Suntory Hall, dann wären wir längst die Nr.1.“  Getreu dem Motto des FC Bayern: Mia san mia!

Veröffentlicht am: 11.12.2012

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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