"Das Leben ein Traum" im Volkstheater

Die Besessenheit vom Selbstbild

von Gabriella Lorenz

Der Traum vom Herrschen über das eigene Ich (Foto: Arno Declair)

Ein Theaterplakat, das eine Frau im Schnee zeigte, hat Christopher Rüpings Interesse an "Das Leben ein Traum" geweckt. Da war er 15. Auf der Bühne gesehen hat er das Drama des spanischen Barockdichters Calderon de la Barca nie, aber  immer wieder gelesen. Jetzt ist er 27 und inszeniert es im Volkstheater. Dort war  beim letzten  Festival "Radikal jung" seine  Frankfurter Inszenierung "Der große Gatsby" zu sehen. Der Hannoveraner hat letztes Jahr sein Regiestudium in Hamburg und Zürich abgeschlossen, lebt  in Berlin und arbeitet auch in Braunschweig, Hamburg, am Theaterhaus Jena und am Deutschen Theater Berlin.

Statt eines Plakats fasziniert Christopher Rüping heute das Thema: Was heißt Traum? Calderon schrieb 1635 ein Lehrstück über Macht und Gnade. Prinz Sigismund wird wegen eines bösen Orakels von Geburt an isoliert gefangen gehalten, ohne zu wissen, wer er ist. Plötzlich will der König ausprobieren, ob sein Sohn wirklich so schlimm ist wie prophezeit: Er setzt ihn für einen Tag auf den Herrscher-Thron. Der unsozialisierte Sigismund, der nur seinen Erzieher kennt, erfüllt grausam, gierig und blutrünstig alle üblen Erwartungen. Weshalb er wieder  im Kerker landet und glaubt, alles sei nur ein Traum gewesen. Das bringt ihn zum Nachdenken - und zur Läuterung, als er eine zweite Chance erhält.

Wenn Selbstbilder mit voller Wucht aufeinandertreffen (Foto: Arno Declair)

Christopher Rüping interessiert vor allem das Bild, das jeder Mensch von sich entwirft: "Jede Figur bei Calderon ist besessen von einem Selbstbild - sie will etwas Bestimmtes sein oder gerade nicht mehr sein. Diese Selbstbilder knallen mit voller Wucht aufeinander." Sie werden aufgebaut, eingerissen, neu erfunden, hinterlassen Trümmer und fordern Tote. Die Besessenheit vom Selbstbild finde sich heute auf Facebook, sagt der Regisseur. In Holland ließ eine Jugendliche ihre Freundin ermorden, die im Internet an ihrem Image gekratzt hatte. Rüping geht es um "dieses Sich-Selbst-Entwerfen insbesondere bei jungen Leuten, die noch auf der Suche nach einem passenden Image sind, die also ihr Facebook-Profil im Wochentakt neu erfinden". Wie die meisten der auf sieben Schauspieler reduzierten Calderon-Figuren: "Alle verteidigen ihr Selbstbild mit aller Macht, bis es mit dem Menschen drunter nichts mehr zu tun hat. Aber Einzelne fragen sich: Bin das noch ich?"

Den Kontrast zwischen dem Ich und dem Selbstbild der Personen soll man auf der Bühne sehen: Eine große Hohlkehle, die an eine Halfpipe erinnert, wird zur Video-Projektionsfläche. "Diese Fläche wird zerlegt, die Bilder brechen zusammen, und am Ende ist es ein Schlachtfeld." Wie Calderon das  reichlich konstruierte Happy End zusammengestrickt hat, will Rüping ebenfalls visuell zeigen.

Er benutzt die wortreich verschwurbelte deutsche Übersetzung von Johann Diederich Gries aus dem Jahr 1815 - pointiert und stark gekürzt. "Solange die Figuren ihrem Rollenbild hinterherarbeiten, sprechen sie Gries' Verstext.  Wenn sie daran scheitern, reden sie Alltagssprache", erläutert Rüping.

Sein eigenes Selbstbild hat sich schon früh geändert: Im Schultheater wollte er unbedingt das kleine Gespenst spielen, um seine Angebetete küssen zu dürfen. Aber es gab in der Aufführung keine Kuss-Szene. Also beschloss Rüping, künftig die Regie selber in die Hand zu nehmen.

Volkstheater,  29.11., 1., 6., 21.12.2012,, jeweils 19.30 Uhr, Tel. 523 46 55

Veröffentlicht am: 23.11.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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