Uraufführung "Call me God" im Marstall

Vier Autoren über einen Amoklauf in Raten

von Gabriella Lorenz

v.l. Genija Rykova, Katrin Röver, Lukas Turtur, Thomas Gräßle (Foto: Hans Jörg Michel)

Im Oktober 2002 versetzten zwei Heckenschützen die US-Kapitale Washington in Angst und Schrecken: In drei Wochen erschossen sie - meist aus einem Auto heraus - wahllos zehn Menschen auf offener Straße, drei weitere wurden schwer verletzt. Der Ältere der beiden Serienmörder wurde 2009 hingerichtet, der minderjährige Komplize bekam lebenslänglich. Sie gingen als Beltway Snipers in die Kriminalgeschichte ein. Um ihren Amoklauf auf Raten dreht sich die Uraufführung „Call me God“ am vergangenen Freitag (16. November) im Marstall.

Diese Auftrags-Arbeit ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Vier Theater-Schriftsteller, der Italiener Gian Maria Cervo, Marius von Mayenburg, Albert Ostermaier und der Argentinier Rafael Spregelburd haben die Texte geschrieben. Es ist eine Koproduktion mit drei italienischen Partnern: dem Festival „Quartieri dell'arte“ in Viterbo, das Cervo leitet, dem Festival „Romaeuropa“ unter Fabrizio Grifasi und dem Teatro di Roma, dessen Direktor Gabriele Lavia die Weltpremiere am 4. November nach Rom holte. Die drei Vorstellungen im Teatro Argentina fanden in der italienischen Presse ein ungemein positives Echo.

Thomas Gräßle, Genija Rykova (Foto: Hans Jörg Michel)

 

Über eine Zusammenarbeit haben die Residenztheater-Dramaturgin Laura Olivi, eine Italienerin, und Gian Mario Cervo schon seit drei Jahren diskutiert. Früh kristallisierte sich heraus, dass mehrere Autoren beteiligt sein sollten: „Das Thema sollte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden und eine Auseinandersetzung unterschiedlicher Künstler-Temperamente sein“, sagt Olivi. Das Thema Amoklauf lag in der Luft - aber es sollte nicht zu nah an immer noch emotional bewegenden Ereignissen wie dem Massenmord in Norwegen liegen. Albert Ostermaier schlug dann die Beltway Snipers vor. Dass der Fall vor zehn Jahren in den USA geschah, erlaubt jedem Autor einen Blick von außen. Marius von Mayenburg, Hausautor und Dramaturg der Berliner Schaubühne, sagt dazu: „Mich hat vor allem die Frage interessiert, wie eine Gesellschaft mit dem Phänomen eines scheinbar sinnlosen Amoklaufs umgeht. Die Faszination, die vom Mörder ausgeht, die Aufmerksamkeit und Stilisierung, die ihm zuteil wird. Und dass sich ein riesiger Markt aus Informationsmedien und Unterhaltungsindustrie auf diese Faszination stützt. Nicht zuletzt auch das Theater, wo immer schon die Bösewichter die gefragtesten Protagonisten waren. Zusammen mit den Komödianten.“

Jeder Schreiber konnte seinen eigenen Fokus setzen. Kommuniziert haben die vier per E-Mail und Telefon, die Endredaktion und die Inszenierung übernahm Marius von Mayenburg. „Die Texte selbst sind völlig unabhängig voneinander entstanden“, erklärt der 40-Jährige. „Umso wichtiger war es, ein gemeinsames Thema zu haben.“ Die Autorenschaft der einzelnen Beiträge ist bewusst nicht gekennzeichnet, aber aus Erwähnungen von Pasolini errät man den italienischen Urheber oder aus Anspielungen auf Südamerika Rafael Spregelburd, einen der wichtigsten Schriftsteller und Theatermacher Argentiniens. Laura Olivi hält das Ergebnis trotz der ganz unterschiedlichen Schreibstile für „ein wirklich kompaktes Stück“. Beim Inszenieren haben die Kollegen Marius von Mayenburg und seinen vier Schauspielern freie Hand gelassen: „Nicht aus Desinteresse, sondern aus professioneller Gelassenheit“, meint er anerkennend.

„Call me God“ - nennt mich Gott - hatte einer der Attentäter auf eine Tarotkarte geschrieben, mit der er 10 Millionen Dollar Lösegeld forderte. Aber nicht um die Psyche der Amokläufer geht es hier, sondern darum, wie Massenmedien und Politik mit solch spektakulären Verbrechen und der Verunsicherung der Bevölkerung umgehen und das für ihre Zwecke nutzen. Im Berlusconi-geschädigten Italien stieß das auf offene Ohren.

 

Veröffentlicht am: 19.11.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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