Schnitzlers "Anatol" in der Pasinger Fabrik

Liebesleid nach Wiener Art - melancholisch dunkel aber ohne Pep

von Gabriella Lorenz

Da scheinen Mann und Frau noch zusammen zu passen (Foto: Hilda Lobinger)

Dass Mann und Frau nicht zusammenpassen, wusste schon Arthur Schnitzler vor über 100 Jahren. Was ihn nicht hinderte, privat immer wieder die Probe aufs Exempel zu machen.

Wie sein Titelheld im 1910 uraufgeführten Episoden-Stück „Anatol“: Der hetzt von einer Geliebten zur nächsten, auf der Suche nach einzig wahrer Liebe und unbedingter Treue (seitens der Damen), gleichzeitig getrieben von neurotischer Eifersucht. Schon die Erinnerung an einen Ex-Lover empfindet er als Verrat. Kein Wunder, dass der Lebemann aus lauter Misstrauen echte Hingabe gar nicht erkennen kann. Zumal er sich ja alle Freiheiten nimmt. Ein ziemlich heutiger Typ also, völlig beziehungs- und bindungsunfähig. Regisseur Andreas Seyferth belässt ihn im Theater Viel Lärm um Nichts aber im Wiener Fin-de-Siècle, wo er vor sich hinleiden darf.

... da dann schon nicht mehr (Foto: Hilda Lobinger)

Seyferth grundiert seine Inszenierung von Anfang an melancholisch dunkel: Der beste Freund Max schiebt Anatol im Rollstuhl herum - zwischen schräg im Raum gespannten Stoffbahnen und weißen Möbeln mit zerrissenen Bezügen (Bühne: Stephan Joachim). Max ist in allen erinnerten Affären dabei als Kommentator und Mediator (schön trocken: Alexander Wagner). Hannes Berg spielt den Anatol elegisch umflort. Man sähe in den wirklich komischen Szenen auch gern mal den Verführer-Charme, nicht nur den resignierten Liebhaber. Deborah Müller zeigt in allen Frauenrollen überzeugende Facetten.

Seyferth und Dramaturgin Margrit Carls haben den Text fast zu stark verknappt. Das Insistieren Anatols nach der Wahrheit über die Treue kommt dabei zu kurz. Was leider nicht gut funktioniert, sind die Zwischenspiele der Tänzerin Urte Gudian und des Musikers Ardhi Engl. So wundersam Engls Klänge sind, Gudians getragener Tanz hinter einer transparenten Silberfolie zieht (trotz verblüffender Computergraphiken) das Ganze retardierend noch mehr ins Elegische. Der sehenswerten Aufführung fehlt einfach etwas Pep.

Theater Viel Lärm um Nichts (Pasinger Fabrik), bis 1. Dez., Do - Sa 20 Uhr, Tel. 834 20 14

Veröffentlicht am: 23.10.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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