Salzburger "La Bohème" mit Anna Netrebko

Ganz große Mimi, ganz unsensibler Gatti

von Volker Boser

Prekariat der Popkultur: Piotr Beczala (Rodolfo), Carlo Colombara (Colline), Alessio Arduini (Schaunard), Massimo Cavalletti (Marcello). Foto: Silvia Lelli

Zum ersten Mal „La Bohème“. Salzburg und Puccini: Das ist nun wirklich keine Love-Story. Gérard Mortier hielt es mit Benjamin Britten, der die Musik „billig und leer“ fand. Er zeigte dem Komponisten die rote Karte. Herbert von Karajan wollte 1989 seine Osterfestspiel-„Tosca“ in den Sommer hinüber retten, doch er starb und George Pretre musste einspringen. Eine von David Pountney 2002 inszenierte „Turandot“ erwies sich als Flop. Nun soll alles anders und besser werden. Der neue Festspielchef Alexander Pereira macht's möglich. Eine „Bohème“ der Superlative war das erklärte Ziel, natürlich mit Weltstars wie Anna Netrebko: Da konnte ja gar nichts schief gehen.

Als sich der Vorhang im Großen Festspielhaus öffnete, herrschte zunächst einmal ziemliche Verwirrung. Die riesigen Bühnenbilder von Paolo Fantin bewirkten, dass die Akteure zu Puppen schrumpften. Was aber zum Glück deren gesangliche Qualifikation in keinem Moment in Frage stellte: Anna Netrebko hat die Mimi in München, Wien und New York gesungen, auf CD aufgenommen und mit Robert Dornhelm verfilmt. Die Stimme ist - nicht zu ihrem Nachteil - reifer, dunkler und schwerer geworden. Es durfte ausgiebig geschwärmt werden, über die grandiose Bühnenpräsenz und die rührende Ernsthaftigkeit des musikalischen Ausdrucks.

Piotr Beczala als Rodolfo konnte weder im Spiel noch stimmlich mithalten, obwohl er makellos phrasierte und die Höhen souverän meisterte. Vor allem auf ihn hatte es der enttäuschende Dirigent Daniele Gatti abgesehen. In die herrlichsten Tenor-Töne hinein ließ er die Wiener Philharmoniker krachen, als ob Tschaikowsky angesagt gewesen wäre. Selten erklang „La Bohème“ aus dem Orchestergraben so langatmig und derb exekutiert wie diesmal. Daniele Gatti dirigierte auswendig, dabei müssen ihm wohl die vielen Piano-Vorschriften der Partitur abhanden gekommen sein.

Regisseur Damiano Michieletto hatte die Handlung in das Jahr 2012 verlegt. Die Clique um Rodolfo gibt sich intellektuell, sammelt Vinyl-Platten. Mimi stößt dazu. Eigentlich wollte sie nur Feuer für ihren Joint haben. Die gigantischen Fensterflügel in der herunter gekommenen Wohnung spiegelten Ausweglosigkeit. Ein Prekariat der Popkultur traf sich da, ohne Hoffnung, ohne Chance.

Dann das Kontrastprogramm: Auf dem Platz vor dem Café Momus herrschte kunterbuntes Comic-Vergnügen. Im Hintergrund der neueste Stadtplan von Paris, dazu Weihnachtsrummel, Santa Claus, riesige blaue Einkaufswagen, ein durch die Luft fliegender Spiderman und eine überaus kokette Musetta (Nino Machaidze). Diese Show-Enlage sollte wohl Konsumkritik ausdrücken. Womöglich war sie aber auch nur ein Zugeständnis an das Grand Theatre Shanghai, dem Koproduzenten. So kapitalistisch verseucht hat man sich Europa vorzustellen.

Am stärksten wirkte das dritte Bild, ein trostloser Bahnhof eines Pariser Vororts, davor eine billige Würstelbude. Die Liebenden sind am Ende ihres kurzen Weges angekommen. Die Eindringlichkeit, mit der Anna Netrebko hier ihren Kollegen Piotr Beczala mitriss, war herzbewegend – und zeigte erneut, welch' großartige Künstlerin sie ist, allem Glamour zum Trotz.

Die Inszenierung bemüht, aber insgesamt oberflächlich, ein Dirigent, der sich in eitler, unsensibel präsentierter Langeweile verzettelte, ein Weltklasseorchester, das es erheblich besser kann: Auch jene Sänger, die wie Massimo Cavalletti (Marcello) oder Carlo Colombara (Colline) diesmal nicht im Mittelpunkt standen, haben mehr drauf, als sie zeigten. So wurden einige Erwartungen erfüllt, aber keine neuen Maßstäbe gesetzt.

Veröffentlicht am: 04.08.2012

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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