"Tosca" bei den Opernfestspielen

Ein Rocker in der Engelsburg - Bryn Terfel mit starkem Auftritt

von Volker Boser

Szenenbild von der Festspiel-Premiere in anderer Besetzung (Foto: Wilfried Hösl)

Es war einmal guter Brauch, da wurde bei den Münchner Opernfestspielen vor allem den Hausgöttern Wagner und Richard Strauss gehuldigt. Puccinis reißerischer Politkrimi "Tosca" kam eher selten vor. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Luc Bondys Mainstream-Regie, eine Koproduktion mit der New Yorker Metropolitan Opera und der Mailänder Scala, macht eine Menge Eindruck, wenn man hochkarätige Sänger aufbieten kann. Star des Abends war diesmal Bryn Terfel: Schon nach den ersten Takten gab es keinen Zweifel. Da donnerte der römische Polizeichef seinen Ärger über die lärmenden Messdiener und Ordensbrüder derart drohend in den Kirchenraum, dass jedem in Nationaltheater rasch klar wurde: Gegen diesen Kotzbrocken ist kein Kraut gewachsen. "Un tal baccano in chiesa!" - selten hat man Scarpias Entrée so grandios eindringlich vernommen wie diesmal.

Die "Bad Boys" der Opernwelt scheinen eine Spezialität von Bryn Terfel zu sein. Bei ihm ist Scarpia kein feinsinniger Bösewicht, sondern ein animalischer Verwandter Jagos, derb und direkt - ein in die Jahre gekommener Rocker, dem man gleich mehrere Motorräder in der Garage zugestehen würde. Stimmlich war eine Meisterleistung zu bestaunen. Und auch darstellerisch ließ Terfel nichts aus: Für seinen Widersacher Cavaradossi hatte er sogar eine Kopfnuss á la Zidane parat. Es ist ein Jammer, dass sich der walisische Bassbariton so selten in München erleben lässt.

"Tosca" als musikalisches Festival-Highlight, wer hätte das vorher gedacht. Catherine Naglestad in der Titelpartie, die gefeierte Brünnhilde in Kriegenburgs Ring-Inszenierung, nahm es mit den richtigen Tönen anfangs nicht sonderlich genau, phrasierte reichlich unseriös, steigerte sich aber mächtig. Massimo Giordano als Cavaradossi kaprizierte sich auf die lyrischen Momente. Spitzentöne bewältigte er souverän, allerdings mit Anlauf wie ein Stabhochspringer. Am Pult sorgte Marco Armiliato dafür, dass die subtile Dramatik der Musik und deren Unerbittlichkeit ungeschönt hörbar wurden. Er konnte sich dabei auf das Staatsorchester verlassen, das abermals einen großen Abend hatte.

Das Publikum war hochzufrieden und jubelte. Trotz der Festspielpreise - es muss ja nicht immer Wagner sein.

Veröffentlicht am: 25.07.2012

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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