Kalkbrenner am Königsplatz

Götterdämmerung mit Paul und Poncho

von Salvan Joachim

Ihm kann es nicht laut genug sein: Paul Kalkbrenner am Königsplatz (alle Fotos: Salvan Joachim)

Wo in den letzten Jahren David Gilmour, Eric Clapton, Status Quo und die Eagles ihre alten Riffs runterrödelten, drückt jetzt Paul Kalkbrenner seine Knöpfe. Es ist das größte Konzert seiner Karriere, rund 20.000 Menschen raven im Regen.

Beim Zeus, der Ort macht den Unterschied. Da wähnt man sich bei "Sky & Sand" fast am Strand, blickt in den Himmel statt in die Höhen des hässlichen Hangars in Fröttmaning. Dass es fast ununterbrochen regnet, merkt irgendwann niemand mehr. Entweder die Gummistiefel halten dicht oder die Ballerinas sind ohnehin seit Stunden im Eimer. Man hätte also ruhig noch Sand aufschütten können bei 45 Euro Eintrittspreis, damit der Besucher seine Burg bauen kann, wenn die Stimme von Paul Kalkbrenners Bruder Fritz erklingt: "And we build up castles."

Mottoparty im Namen der Kunst

Aber so schließt man eben die Augen und sieht den DJ vor sich: Blick zum Boden, Text auf den Lippen, bei Sonnenschein tanzend in der Berliner Bar25. Und wenn die nächste Basslinie das Lid wieder lockert steht rechts die Glyptothek, dieser klassizistische Tempel, Relikt der Wittelsbacher Griechenlandeuphorie. Und dann wird Duchamps Credo am Eingang wahr: "München war der Ort meiner völligen Befreiung". Hier hüpft jeder im Matsch, die meisten behalten die Sonnenbrille auf, Schirme wippen zum Beat.

 

Party im Regenponcho

Nicht zu fassen: 20.000 Raver trotzen dem Regen

Links, tip, rechts, tip, Hände hoch, schreien - so geht das neue Volkslied. Ohne Texte keine Missverständnisse, den Beat kapiert jeder und das schweißt zusammen. Der Vergleich mit Gottesdiensten ist abgenutzt, deshalb aber nicht weniger passend: Kalkbrenner sagt selbst, dass seine Musik weltweit die gleichen Reaktionen auslöst. Er mobilisiert mit Bässen, Minderjährige mit Mama im Schlepptau gleichermaßen wie deutsche Soldaten in Afghanistan oder die PR-Abteilung eines Stromkonzerns.

Königsplatz - irgendwie absurd und doch angemessen. 2008 legte Kalkbrenner noch für ein paar Euro in Münchens Roter Sonne auf. Dann begann sein Höhenflug als DJ Ickarus in Hannes Stöhrs Film "Berlin Calling". Seitdem ist der DJ auf der Reise und hat Rückenwind. Drei Mal steht er im ausverkauften Münchner Zenith. Selbst am Königsplatz muss er keine Federn lassen: 20.000 Besucher. Ausverkauft.

Willkommen im Mainstream, möchte man Kalkbrenner zurufen, schon lange. Dabei ist Kalkbrenners Konzert auch ein Kampf gegen Koryphäen, eine Kriegserklärung am Königsplatz: Der Technotyp verdrängt Altrocker, die Botox-gespritzen Besuchern ein unbezahlbares Bad im Jungbrunnen bescheren: Clapton, Gilmour, Status Quo, Eagles - das war einmal. Jetzt steht die Jugend vor den beleuchteten Propyläen und schreit, wenn mit hämmernden Bässen an den ewigen Göttern gerührt, geschüttelt und gerissen wird. Da macht man sich etwas Sorge um die goldene Statue vor der Antikensammlung, die hinabblickt auf die Technofreunde. "Schräge Abfahrt?", mag sie sich fragen. "Auf keinsten!" Blickt man in die Gesichter der Gäste, wird schnell klar: Das sind die jüngsten Münchner, meist Schüler, die sich hier langsam herantasten an "Techno, Titten und Trompeten". Kalkbrenner ist eine Einstiegsdroge ohne Nebenwirkung: Alle friedlich, alle gut gelaunt, die Daumen immer schön oben halten, auch bei Dauerregen.

Minimal für die Masse

Immer schön den Daumen hoch

Kalkbrenners Set ist so durchdacht und berechnet, dass man es problemlos abfeiern kann, wenn man nicht gähnen muss. Hier ein Knöpfchen, dann die Kick, schon springt der ganze Königsplatz. Die Klimax ist programmiert. Noch paar Höhen, Hihat, Hände hoch. Kalkbrenner spielt bisschen was von vor, bisschen was von nach "Berlin Calling". Dazwischen die Remixes von 2Raumwohung, La Meczla, Praise you, Mad world - alles in diesem wundervoll warmen, gut abgemischten Wohlfühlsound. Aber: Brüche, Fragezeichen, Verwirrung? Gibt's nicht. Man kann sich stets sicher sein, wann einen der Bass auffängt. Da wünscht man sich vielleicht doch Clapton wieder, so ein Bending ins Nichts, wenn das Publikum nicht weiß wie und wohin, es aber kurz kribbelt am Rücken.

Die einzigen musikalischen Brüche sind die Pausen, wenn Kalkbrenner die Regler runterschiebt, auf seinen Laptop blickt und die nächsten Samples sucht. Das macht wirklich keinen Sinn bei elektronischer Musik. Da stocken die Schirmbewegugen, man hört die vollgesogenen Sneaker quietschen und das durchnässte Mädchen in der ersten Reihe beginnt zu zittern. Diese Stille ist ein Stilbruch, wenn die Bässe nur aussetzen, um den Jubel zu steigern. Mal abgesehen davon, dass Kalkbrenner mehrmals die Bühne verlässt, seine Fans müssen ihn hochklatschen, damit es weitergeht. Nein, geopfert wird an der Vorverkaufskasse, das muss genug sein. Und irgendwie will die Selbstinszenierung so gar nicht zu den sonst so sympathischen Interviews des Künstlers passen.

Ein ewiges "Aaron" mit Feuerwerk macht's wieder gut, zum pünktlichen Abschied um 23 Uhr. Er war der König am Platz, "Kalkbrenner is god" hat aber niemand an die Säulen der Glyptothek geschmiert.

Hier noch ein paar Stimmen aus dem Netz

Veröffentlicht am: 04.06.2012

Über den Autor

Salvan Joachim

Redakteur

Salvan Joachim (1986) ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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