Shakespeare im Passionstheater Oberammergau

Stückl inszeniert "Antonius und Cleopatra" im Passionstheater - Ein Spiel um Liebe und Macht

von Gabriella Lorenz

Streit um die schöne Herrscherin, Motiv: Handkolorierte Fotogravur "A young girl of Southern Tunisia (c) R.F. Lehnert (1878-1948) & E.H. Landrock

Wer denkt bei Antonius und Cleopatra nicht sofort an Liz Taylor und Richard Burton? Der Historienschinken „Cleopatra“ von Joseph L. Mankiewicz machte die beiden 1963 zu Ikonen im kollektiven Film-Bewusstsein. Man kann sie sich allerdings nur schwer vor einer Alpenkulisse vorstellen. Aber genau dahin platziert Regisseur Christan Stückl das Skandalpaar, und dann auch noch in ein biblisch geprägtes Umfeld: Ins Oberammergauer Passionstheater. Dort inszeniert er mit circa 300 Laien Shakespeares Tragödie „Antonius und Cleopatra“ - und die erzählt nicht nur den Liebes-Schmachtfetzen, sondern auch viel über Machtpolitik. Heute ist Premiere.

 

Drei Mal schon hat Christian Stückl die Oberammergauer Passionsspiele inszeniert. Und er öffnet das Haus seit Jahren für andere Bespielungen: Oberammergau soll auch in den zehn Jahren dazwischen für theaterinteressierte Touristen interessant sein. Weil die Oberammergauer auch jenseits der Passion theaterpassioniert sind, inszeniert er nun jährlich ein Stück mit ihnen. Das stammt aus der Tradition der Kreuzschul: Aufführungen in passionslosen Jahren zur Erprobung künftiger Darsteller. Aber bislang war das Passionstheater eher biblisch verhafteten Stoffen vorbehalten - im letzten Jahr spielte man „Joseph und seine Brüder“.

Dieses Jahr wird's weltlich: Der römische Feldherr Marcus Antonius, einer der drei Regenten Roms, ist im Besatzungsland Ägypten der schönen Herrscherin Cleopatra verfallen. Nun hadert er mit sich, ob er lieber am Tiber regieren oder am Nil das Dolce Vita genießen soll. Sein politischer Gegenspieler in Rom ist Octavian, und der hat eine Rechnung mit Cleopatra offen. Denn schon sein toter Vater Julius Cäsar war den Reizen der ägyptischen Königin erlegen. Das Männer-Duell spielen die beiden Jesus-Darsteller der Passion 2010: Andreas Richter als Antonius, Frederik Mayet als Octavian. Barbara Dobner muss als Cleopatra mehr Verführungskünste aufbieten denn als Maria Magdalena. Dazu hat der passionserprobte Markus Zwink die Musik für Chor und Orchester komponiert, die er selbst dirigiert.

Eine große Bühne will bespielt sein (Archivbild von den Passionsspielen 2010, Foto: Arno Declair)

„Die biblischen Stoffe sind irgendwann abgegrast“, sagt Christian Stückl zu seiner Stückwahl. Anfangs war er nicht so überzeugt, ob das selten gespielte Shakespeare-Drama sich eignen würde: „Da ist so viel Mauerschau: Ständig kommen Boten und erzählen, was in den Schlachten passiert ist. Aber wie krieg' ich damit 200 Leute auf die Bühne? Man sucht in Oberammergau immer nach großen Stoffen für die große Bühne. Die verlangt in ihrer Breite nach großen Auftritten. Kammerspiele funktionieren da nicht.“ Die Film-Ikonen Taylor/Burton hat er nicht im Kopf.

Viel mehr als die Lovestory mit ihren hysterischen Auf- und Abwallungen interessiert ihn die Auseinandersetzung zwischen den im Triumvirat gleichberechtigten Machthabern Octavian und Antonius. „Das ist ein starker Kampf zwischen zwei Männern, die sich gegenseitig von der Bühne räumen wollen. Antonius rutscht mit seinen Gelagen immer mehr in den Alkohol und politisch schwimmen ihm alle Felle davon. Das hat auch was Tragisches.“

Schon Shakespeare hat die Politik hier sehr satirisch gezeichnet. Die teils recht flapsige Textfassung von Jens Roselt wirkt manchmal fast parodistisch. Das will Stückl aber nicht: „Auf einer so großen Bühne kann man nichts flapsig wegsprechen. Ironisch muss es sein, aber keine Parodie.“ Komödiantisches entdeckt er bei Shakespeare selbst: „Wie da in der letzten Viertelstunde alle wegsterben, das ist schon ein komischer Blick darauf, wie Menschen nach Auswegen suchen und sich selbst von der Bühne schaffen.“

 

Passionstheater Oberammergau, bis 11. August 2012, freitags und samstags, 20 Uhr (Shuttlebus hin und zurück 16.30 Uhr ab ZOB, 18 Euro), Karten Tel. 089 54 81 181 81 und 08822 945 88 88 und www. passionstheater.de

Veröffentlicht am: 13.07.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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