Wagners "Siegfried" an der Staatsoper

Buntes Treiben nach Western-Art - Des Dramas dritter Teil

von Volker Boser

Erst die Fäuste, dann die Argumente. Lance Ryan als Siegfried (Foto: Wilfried Hösl)

So langsam kommt die Zielgerade in Sicht. Doch zunächst einmal galt es, die dritte Runde zu bewältigen. Nach "Rheingold" und "Walküre" stand das ambitionierte Regieteam des Münchner "Ring"-Experiments vor seiner wohl schwierigsten Aufgabe. Denn in "Siegfried", dem Scherzo von Wagners Tetralogie, sollte es nicht damit getan sein, banale Episoden banal nachzuerzählen.

Götter, Riesen und Zwerge sind zwar endgültig zerstritten und der, der es richten soll, ist mit den Worten Brünnhildes ein eher "kindischer Held": Aber eine Inszenierung, die sich damit begnügt, mit harmlos-naiven Pointen dem zeitgemäßen Voyeurismus eines bildersüchtigen Publikums zu huldigen, ist dann doch nur die halbe Miete.

Regisseur Andreas Kriegenburg hatte sich entschlossen, das Geschehen auf das für ihn Wesentliche zu reduzieren: Siegfried, aufgewachsen in scheinbar ungeordneter Überfülle der Natur, macht sich auf den Weg, die Welt zu entdecken. Einer der auszieht, das Fürchten zu lernen: Lance Ryan, der die Partie auch schon in Bayreuth verkörpert hat, wirkt dabei nicht sonderlich sympathisch. Der Regisseur lässt ihn wie eine Figur aus einem Western von John Ford agieren. Erst die Fäuste, dann die Argumente. Am Ende, als er Brünnhilde aus ihrem Dornröschen-Schlaf erweckt hat, reagiert Siegfried auf die eindeutigen Absichten der Dame eher albern, legt sich verschämt ein Kissen auf den Bauch und geniert sich.

Stimmlich kann der Kanadier aus dem Vollen schöpfen. Das beeindruckt, klingt aber nicht immer schön. Ganz anders Brünnhilde: Catherine Naglestad bleibt mit strahlenden Spitzentönen an glanzvoller Kraft nichts schuldig ("Heil dir Sonne").

Alberich (Wolfgang Koch) und der Wanderer (Thomas J. Mayer) durch Körperskulpturen getrennt (Foto: Wilfried Hösl)

Bühnenbildner Harald B. Thor, der sich zuvor auf die Bewegungschoreografin Zenta Haerter und drei Dutzend Statisten verlassen konnte, hat den erlösenden Einfall, zu Brünnhildes Bekenntnis: "Denn der Gedanke - dürftest du's lösen - mir war es nur Liebe zu dir!" ein großes Bett auf die Bühne tragen zu lassen. Endlich, auch wenn die beiden vor dem Vergnügen noch zwanzig Minuten stimmliche Schwerstarbeit leisten müssen. Ansonsten beherrschen - wie schon im "Rheingold" und der "Walküre" - Körperskulpturen die Szene: Statisten formen Felsen und Bäume. Während Siegfried das Schwert Nothung repariert und Mime sein Gifttränklein braut, wirkt das Gedränge geradezu beängstigend. Kochstudio, Amboss und schaukelnde Artisten - für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Und auch für diejenigen, die es gerne ein wenig kitschig haben, ist gesorgt. Als Mime (präzise Charakterstudie: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) Siegfried von seinen Eltern berichtet, wird das Erzählte im Hintergrund der Bühne nachgespielt, Baby inbegriffen.

Klingenbergs clevere Erzählästhetik hat Methode. Andeutungen sind verpönt. Geheimnisse ebenso: Wo Ring-Regisseure der Vergangenheit Raum ließen für Phantasie und Träume, setzt er auch im "Siegfried" auf die zweifelhafte Erkenntnis, dass Wagner womöglich gar keine weltbewegenden Hintergedanken gehabt haben mag, sondern lediglich ein groteskes Märchen erzählen wollte.

Wolfgang Ablinger-Sperrhacker (Mime) liefert eine beeindruckende Charakterstudie (Foto: Wilfried Hösl)

Dirigent Kent Nagano hätte dem entgegenwirken können. Anfangs scheint er auch bereit dazu. Die leidhaften Passagen erklingen ruhig und plastisch ausgeformt. Auch das "Waldweben" gelingt dem sensibel musizierenden Staatsorchester mit sehr viel Atmosphäre. Gegen Ende verstört dann aber doch die lärmende Brillanz, mit der die Sänger ein ums andere Mal zugedeckt werden.

Auffallend erneut Kriegenburgs spartanisch reduzierte Personenregie. Immerhin: Wotan/Wanderer (Thomas J. Mayer) darf Alberich (Wolfgang Koch) die Zigarette anzünden, nachdem sich beide, prächtig bei Stimme, zuvor mit einer Pistole bedroht haben. Das Waldvögelein (Anna Virovlansky) zwitschert fröhlich. Ein riesiger Kopf aus Menschenleibern macht als gähnender Drache mächtig Eindruck. Siegfrieds Todesstoß erfolg leider etwas beiläufig. Danach macht es sich die Regie allzu einfach: der rustikale Titelheld zieht den sterbenden Fafner (Rafal Siwek) unsanft an die Rampe - weil er noch ein wenig zu singen hat.

Eindrucksvoll Erda (Jill Grove): Dass sich die gesanglichen Leistungen auch diesmal auf durchwegs hohem Niveau befinden, mag jene versöhnen, denen Andreas Kriegenburgs "Ring"-Abenteuer zu simpel gestrickt erscheint. Ob die Wende zu etwas mehr tiefgründigem, der Musik angemessenem Ernst überhaupt vorgesehen ist, wird die "Götterdämmerung" zeigen. Premiere ist am 30. Juni 2012.

Die nächsten Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

 

Veröffentlicht am: 29.05.2012

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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