Klangfest-Impressionen (I)

Das bisschen Zirkus in uns

von Eveline Kubitz

Gestern Abitur, heute große Bühne: Zico. Foto: Salvan Joachim

Schon auf dem Weg durch die Stadt hat man das Gefühl ganz München ist auf den Beinen. Alles strömt raus aus den Wohnungen, rein in Cafés, rauf auf Wiesen, runter an die Isar. Da locken plötzlich dumpfe Bassklänge, kaum kommt man mit der Rolltreppe oben an, von der S-Bahn-Station Rosenheimer Platz zur Open-Air Bühne auf den Platz vor dem Gasteig. Es ist ein perfekter Tag um sich treiben zu lassen, sonnig, warm, aber nicht zu heiß. Und das Klangfest, so scheint es, der perfekte Ort dafür.

Auf dem Festival haben Münchner Plattenlabels und ihre Künstler die Möglichkeit sich und ihre Musik zu zeigen. Acht Stunden lang Konzerte verschiedenster Musikrichtungen am Stück.

Zico, drei Musiker aus Ingolstadt weihen die Open-Air-Bühne ein. Blutjung sind sie, am vergangenen Tag haben sie erst Abitur gemacht und die Nacht durchgefeiert. Dementsprechend fallen die Worte ans Publikum aus: In ihrer Unbeholfenheit aus Versehen witzig und so irgendwie charmant. Sie spielen eine Mischung aus Indie, Reggae und Rock und man fragt sich unweigerlich woher diese Musikalität in so jungen Jahren wohl kommt. Ein bisschen erinnern sie an Jamaram, still stehen ist für den Zuhörer praktisch unmöglich. Der Spritz auf der Terrasse des Restaurants nebenan glitzert orange-rot in der Sonne, das Publikum wippt und singt sofort mit, die meisten sind barfuss, hier und da legen die ersten Herren ihre T-Shirts ab; es hat so ein bisschen was von Urlaub und man freut sich über einen herrlich-leichten, gelungenen Auftakt.

Immer ein Lächeln auf den Lippen: AnnaLu. Foto: Salvan Joachim

Eine Dame in Etuikleid und aufwändigem Hut telefoniert sehr laut, vermutlich mit der besten Freundin, und versucht ihr klar zu machen, warum sie unbedingt sofort noch herkommen muss. Sie versucht den Musikstil zu beschreiben, der Band die gerade spielt und ein bisschen fühlt man mit ihr: Keine Schublade scheint geeignet, oft ja ein erfrischend gutes Zeichen für erfrischend gute Musik. Es sind AnnaLu & i-sHiNe Crew, die Gewinner des Kulturvollzug Bandwettbewerbs.

AnnaLu ist eigentlich Lehrerin, mit ihrer Akustikgitarre und einem bezaubernden Lächeln spielt sie relativ ruhige, melancholische Lieder. Zusammen mit den schnellen Beats der i-sHiNe Crew wird aber erst richtig klar, dass nicht die Gitarre, sondern ihre Stimme ihr wichtigstes Instrument ist. Sie röhrt, haucht, rappt, jauchzt; mal kraftvoll und im nächsten Moment wieder ganz sanft. Immer mehr Menschen strömen auf den Platz vor dem Gasteig – und lächeln selig in Richtung Bühne.

Urlaubsstimmung am Gasteig. Foto: Salvan Joachim

Schutz vor der Sonne sucht man schließlich in der schattig-kühlen Black Box. Unmöglich, an ihr vorbei zu gehen, tönen von innen doch eindringliche „Hereinspaziert, Hereinspaziert!“-Rufe. Und tatsächlich: Auf der Bühne ein roter Vorhang, darüber in krakeliger, gelber Schrift steht „Gankino Circus“ geschrieben. Was dann Sekunden später passiert, übermannt das Publikum wie ein Rausch. Wie zuletzt als Kind im Zirkus sitzt man hibbelig wippend auf der Stuhlkante, starrt gebannt mit offenem Mund auf das Geschehen, nur ab und an den Kopf schüttelnd, weil man einfach nicht glauben, nicht begreifen kann was man da sieht.

Pure Energie und Spielfreude: Gankino Circus. Foto: Salvan Joachim

Vier Gaukler aus Franken in schreiend-bunten Klamotten spielen Balkanmusik, Zigeunerpunk, Klezmer, orientalische Klänge und das ganze so atemberaubend schnell, dass man für eine Zehntelsekunde glaubt sich schwindelnd am Nebenmann festhalten zu müssen. Der Gitarrist führt in skurril-kauziger Helge Schneider-Manier herrlich ironisch durch das Programm. Das fahrende Volk spielt hingebungsvoll und musikalisch brillant; man glaubt sich auf einmal mitten in einer Vorstellung eines aberwitzigen Zirkus, alle Sinne so heillos reizüberflutet, dass man nur noch in der Lage ist die Augen aufzureißen und zu lachen.

„Wars zu arch?“ also „War's zu heftig?“ fragt der Saxophonist im Gespräch danach den Moderator; nicht besorgt, eher stolz. War's nicht. Nur zu kurz. Aber auch dieser Vorhang schließt sich vor dem wehmütigen Publikum. Nur anders als früher ist man jetzt erwachsen. Es geht nicht sofort nach Hause und ins Bett, sondern immer weiter. Denn schon hinter der nächsten Türe wartet eine neue Welt.

Bilder vom Klangfest 2012

 

Impressionen II vom Klangfest 2012 lesen Sie hier.

Veröffentlicht am: 27.05.2012

Über den Autor

Eveline Kubitz

Redakteurin

Eveline Kubitz (1986)ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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