Tschechows "Kirschgarten" am Residenztheater

Viel Theatergetöse um Sex und Gewalt

von Gabriella Lorenz

Einstürzende Altbauten. Mit Thomas Gräßle im Kirschgarten (c) Matthias Horn

Der Katalane steht im Ruf eines Schock-und Skandal-Regisseurs. Den löste Calixto Bieito mit seinem "Kirschgarten" nicht ein. Aber seine Lieblingsthemen Sex und Gewalt - vor allem in ihrer permanenten Vermischung - dominieren die Inszenierung, und etwas Theaterblut schmuggelt er homöopathisch auch ins Tschechow-Drama.

Höflicher Premierenbeifall für eine grob polternde und hitzig überspannte Aufführung. Vielversprechend der Anfang: Vor dem gemalten Prospekt einer ansehnlichen Gutshausfassade rennt das Dienstmädchen Dunjascha (Katrin Röver) hin und her, hübscht sich auf für die Ankunft der Herrschaft. Aus dem Publikum erhebt sich der Aufsteiger-Proll Lopachin (Guntram Brattia), kaut Butterbrot, schmeißt die Bücher, die er gelesen, aber nicht verstanden hat in die Reihen. Ehe die Gutsherrin samt Gefolge eintrifft, hat der Slapstick-Unglücksrabe Jepichodow (Thomas Gräßle) schon im Stolpersturz die Fassade eingerissen. Dahinter steht nur noch ein Abriss-Skelett: Kahle Wände mit leeren Fensteröffnungen (Bühne: Rebecca Ringst). Den Programmheft-Artikel über die verfallende Industriestadt Detroit ignoriert die Inszenierung zum Glück.

Sophie von Kessel als Gutsherrin Ranewskaja (c) Matthias Horn

Die eintrudelnde Spaß-Gesellschaft scheint sich auf Baustellen zu Hause zu fühlen: Mit wildem Getöse rennt und kriecht sie kreischend und lachend durch den Dreck, macht nichts, wenn Bodenbretter einbrechen. Später bricht noch viel mehr ein, macht auch nichts. Denn die exaltierte Gutsherrin Ranewskaja ist vor Heimat-Sentimentalität völlig begriffsblind: Sophie von Kessel fährt als überhitzte Mondäne ständig von Null auf Hundert hoch und zurück. Bieito inszeniert eine Achterbahn der Gefühle, alles ist ins hysterische und sexuelle Extrem überspannt.

 

v.l. Thomas Gräßle, Friederike Ott, Franz Pätzold, Katrin Röver (c) Matthias Horn

Wie eine Horde brünstiger Affen fällt die feine Pleite-Gesellschaft permanent übereinander her. Jeder knutscht jeden gewaltsam nieder, ohne Rangunterschiede. Sogar der freche, geile Diener Jascha drängt sich an die Herrin, und der frühere Leibeigene Lopachin vergewaltigt sie am Ende. Denn er hat das verschuldete Gut gekauft, weil sie taub blieb für seine Sanierungsvorschläge. Die realitätsferne Klasse ist blind gegenüber ihrem Untergang: Das Warten auf die Nachricht vom Verkauf des Gutes feiert man mit einem Kostümball (die Musiker sind mit Totenmasken geschminkt) und tanzt ausgelassen Salsa (in Russland!). Ein schönes Bild, aber damit ist auch alles auserzählt. Der Rest ist die Dauer-Wiederholung von "Sie küssten und sie schlugen sich".

Sophie von Kessel überzeugt als Ranewskaja. Am anrührensten in dem überkandidelten Haufen wirkt die Warja der kurzfristig eingesprungenen Friederike Ott: ein Mensch, keine Charge. Am stärksten ist Brattias neureicher Lopachin, der - gegen den Strich gebürstet - nicht den Anpasser gibt, sondern wütend seine Herkunft rausstellt. Ansonsten herrscht nur viel hohles Theatergetöse.

Nächste Vorstellungen am 28. Mai, 1., 2., 6., 8., 24., 29. Juni 2012, Tel. 2185 1940

Veröffentlicht am: 25.05.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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