Verdis „Falstaff“ vom Gärtnerplatztheater

Ulrich Peters' Farewell - ein Geschenk an München

von Volker Boser

Hans Kittelmann als Dott. Cajus, Gregor Dalal als Falstaff, Martin Hausberg als Pistola. Foto: Hermann Posch

Ein Abschied, der eindringlich zeigte, wozu das Gärtnerplatztheater fähig ist. Intendant Ulrich Peters, der das Haus verlässt, um in Münster sein Glück zu versuchen, inszenierte Verdis „Falstaff“. Und wenn auch die szenischen Effekte an der Oberfläche blieben: Was die musikalische Seite betrifft, gelang eine bemerkenswert schlüssige Aufführung.

Noch bevor sich der Vorhang im Prinzregententheater öffnet, sitzt ein älterer Herr auf der Bühne. Er beugt sich über eine Partitur und lächelt dabei. Es ist der Komponist. Auch später taucht er immer wieder auf: Ein hübscher Einfall, aber ohne tiefere Bedeutung.

Regisseur Peters und sein Ausstatter Christian Floeren haben die Handlung in die Zeit um 1900 verlegt. Viktorianische Häuserfassaden an den beiden Seiten der Bühne erinnern an eine Geschichte von Charles Dickens.  Eine Fabrikanlage im Hintergrund weist auf die beginnende Industrialisierung hin. Die Kostüme hätten auch in einer komischen Oper von Lortzing ihren Zweck erfüllt.

Obwohl italienisch gesungen wurde, war die Aufführung weit entfernt davon, authentisch zu sein. Dirigent Lukas Beikircher hatte das Orchester des Gärtnerplatztheaters sorgfältig vorbereitet. Bei moderaten Tempi wurde äußerst präzise, manchmal aber geradezu pingelig musiziert. Kompositorische Kunstkniffe ließen sich akribisch nachvollziehen, weniger die immer wieder heftig aufbrausende, aggressive Brillanz, die sich ja auch in den Noten befindet.

Die  Regie präsentierte das letzte Bühnenwerk Verdis als eine gemütliche Narretei. Einige neue, aber auch eine Menge bekannter Pointen nahm das Premierenpublikum bereitwillig zur Kenntnis. Falstaff  (prächtig: Gregor Dalal) ist bei Ulrich Peters kein vergammelter Suffkopf, sondern einer, der sehr genau weiß, was sich gehört: ein sympathischer, drolliger Bonvivant.

Seine beiden Kumpane Bardolfo (Mario Podrecnik) und Pistola (Martin Hausberg) haben allerdings keine Chance: Sie müssen Klamauk abliefern. Während Robert Sellier als Fenton einfühlsam seine geliebte Nannetta (reizend: Christina Gerstberger) anschmachtet, kommt der Komponist hinter einem Baum hervor und dirigiert mit. Für den mit einem riesigen Schwimmreifen aus der Themse steigenden Titelhelden gab es Szenenapplaus.

Wolken clever kalkulierter Routine über der Inszenierung, Sonnenschein bei den Sängern: Windsors temperamentvolle und äußerst ansehnliche Damen – Sandra Moon (Alice), Ann-Katrin Naidu (Quickly), Franziska Rabl (Meg) – haben alles fest im Griff. Auch der eifersüchtige Gockel Ford (Gary Martin) beeindruckt. Am Ende triumphierte die Musik – so soll es auch sein. Hand aufs Herz: Wer hätte dem Gärtnerplatz-Ensemble, das nun auseinanderbricht, weil ein neuer Intendant kommt, auf diesem ungewohnten Terrain ein derart bemerkenswertes Niveau zugetraut?

Nächste Vorstellungen am 22., 23., 26., 27. Mai 2012

Veröffentlicht am: 22.05.2012

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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