Kurzgeschichte

Plan B

von Gabriele Müller

Ein Mann und eine Frau, beide finanziell am Abgrund, beide aktiv im Untergrund – aber sie hat das richtige Händchen und er die passenden Worte.

„Nicht vordrängeln, Königliche Hoheit.“

Sie war dreizehn Jahre alt, als sie ihn in der Bäckerei zur Ordnung rief. Er entschuldigte sich formvollendet, die Wangen feuerrot.

„Jetzt kaufst du mir eine Zimtschnecke“, sagte das Mädchen.

„Ich denk ja nicht dran“, antwortete er.

*

Ein Jahr später trafen sie sich wieder, Vadim war durchgefallen und landete auf dem Platz neben Nadja.

Im Notfall mit Fingerspitzengefühl (Illustration von Andreas Wiedemann)

 

Erst waren sie nur Klassenkameraden, dann wurden sie Freunde. Während des Studiums trennten sich ihre Wege vorübergehend. Jahre später führte sie der Job wieder zusammen. Er kellnerte in einer Studentenkneipe, wo BAföG-Empfänger sich lange an einem Bier festhielten. Sie bediente gegenüber in einem Szene-Café, wo junge Frauen am späten Nachmittag Aperól bestellten.

Vadim war Journalist und arbeitslos. „Es gibt nichts Schlimmeres als Chefredakteure, die einen zwingen, Ich-Geschichten zu schreiben. Überall muss ein Ich stehen, damit der Leser sich mit dir emotional verbinden kann. ,Schreiben Sie eine Kolumne‘, hat mein Chefredakteur gesagt, ,und nehmen Sie den Leser an die Hand. Mit zu sich nach Hause.‘ – ,Ich bin nicht Journalist geworden, um Händchen zu halten. Wenn ich professioneller Händchenhalter hätte werden wollen, wäre ich von Beruf Freund oder Guru geworden. Mir ist Händchenhalten aber zuwider, also bin ich Schreiber geworden. Um über andere Menschen zu schreiben.‘ – ,So was brauchen wir heute nicht mehr. Wir brauchen ICH plus MEINUNG plus HÄNDCHENHALTEN.‘ Das waren die letzten Worte meines Chefredakteurs, bevor er mich gefeuert hat.“

Nadja war Anlageberaterin und auch arbeitslos. „Meine Erfolgssträhne verlief azyklisch und war nicht mehr in den Griff zu bekommen.“

Vadim, aus einem alten, größtenteils brisant verarmten russischen Adelsgeschlecht stammend, hatte von seiner Großtante ein Grundstück auf dem Land überschrieben bekommen, das nicht viel wert war. Da sollte ein Regenwasserkanal gebaut werden. Und den musste er mitbezahlen.

Nadja hatte gar nichts und auch keinen Plan B.

Stundenlang gingen sie im Park spazieren, hörten den Vögeln zu, bewunderten die Bäume, überlegten, wie man legal zu möglichst viel Geld kommen könnte.

„Schreib ein Sexbuch“, sagte Nadja.

„Über Sex ist alles gesagt“, sagte Vadim.

„Schreib ein lustiges Sexbuch für Frauen“, sagte Nadja.

„Bloß nicht.“ Vadim wollte nichts Unseriöses schreiben, zumindest nichts noch Unseriöseres als das, was er bisher geschrieben hatte.

„Hast du eine bessere Idee?“, fragte sie.

„Als Sex?“

*

„Was findest du denn verführerisch?“, fragte sie Vadim.

„Ich mag es, wenn ich von der Verführung überrascht werde, wenn die Verführung um die Ecke kommt und mich aus dem Konzept bringt. Frauen, die nur verführerisch schauen, kann ich nicht ertragen“, sagte er. „Wie ein Schaf glotzen kann nun wirklich jede.“

Nadja lachte.

Vadim stellte sich auf den Stuhl, reckte sich und versuchte die Deckenluke des unterirdischen Fluchtweges zu öffnen. Nadja hielt den Stuhl fest – sein behaarter, weicher Bauch vor ihrem Gesicht. Sie waren gute Freunde. Immer schon, quasi.

Sie schob das T-Shirt noch etwas höher und zog mit der Zungenspitze einen Kreis um seinen Bauchnabel.

„Was machst du da?“, rief Vadim. „Spinnst du? Wir machen hier einen Kunstdiebstahl. Das ist Arbeit, kein Vergnügen.“

Aber Nadja ließ sich nicht mehr abhalten von dem, was ihr in den Sinn gekommen war.

*

„Alle wollen sie nur mein Geld“, sagte die alte Dame im Esszimmer, zehn Meter über Vadim und Nadja.

„Das ist eine unfassbare Ungerechtigkeit“, sagte die Haushälterin.

„Setz dich zu mir, Alba“, sagte Vadims Großtante. „Hol dir einen Teller und iss mit mir.“

„Ach, Frau Gräfin, nach dreißig Jahren müssen wir jetzt auch nicht mehr sozialdemokratisch werden“, sagte Alba und ging zurück in die Küche, wo sie ihr Mittagsmahl zu sich nahm und auf die Uhr starrte. Sie hatte der Gräfin ein Schlafpülverchen verpasst, in der Bibliothek war ein Experte für Alarmanlagen zugange. Viel Zeit würde dem Einbrecher-Duo allerdings nicht mehr bleiben. Vadim war eigentlich ein Zuverlässiger. Sie schätzte ihn sehr, ein so fleißiger junger Mann, mit einer so geizigen, raffgierigen Tante geplagt, die die gesamte adelige Bagage um sich herum ausbluten ließ.

Sie hätte es auch umsonst gemacht. Aber Vadim hatte darauf bestanden, dass sie für ihre Kooperation angemessen entlohnt werden würde. Von ihrem Anteil wollte Alba Urlaub in einem Wellnesshotel machen und sich nonstop bedienen lassen – rund um die Uhr.

*

Weil der illegale Raubzug libidobedingt scheiterte, kehrten Vadim und Nadja zu den legalen Geldbeschaffungsmethoden zurück.

„Sex ist für mich wie Science-Fiction. Das hab ich auch nie kapiert“, sagte Vadim.

„Du musst es auch nicht kapieren. Hauptsache, die Geschichten sind lustig“, sagte Nadja. „Weil Sex lustig ist. Irgendwie.“

„Aha. Ich dachte immer, Frauen wollen Liebe, Gefühl, Sinnlichkeit ...“

„Das stimmt. Die meisten Frauen wollen Liebe, Gefühl, Sinnlichkeit. Es gibt aber eine unterdrückte Minderheit, und die will lachen. Und ich hab auch schon eine Idee. Eigentlich ist es eine Fantasie, die mich manchmal überkommt. Pass auf, Vadim, es geht los: Ich stehe unter der Dusche. Die Tür öffnet sich. Ein Mann mit einer Handprothese kommt herein. Seine Kunsthand umgreift meine ...“

„Walter Matthau hatte eine Prothese“, sagte Vadim, „in Charade, und Audrey Hepburn war ihm verfallen.“

„Es war nicht Walter Matthau, sondern der andere, den hat er dann abgemurkst. Und Audrey Hepburn war auf Cary Grant scharf... Ich an ihrer Stelle hätte Walter Matthau genommen. So ein knautschiges Gesicht auf meiner Haut.“

„Deine Sexfantasien in Ehren“, sagte Vadim. „Aber wen soll das denn interessieren?“

„Willst du jetzt eine neue Karriereoffensive wagen – ja oder nein?“, fragte Nadja.

„Ich müsste nicht offensiv werden, ich wäre jetzt reich, meine Tante hätte einen Spanier weniger, und ich müsste keine Schubiduheftchen für nymphomanische Damen schreiben, wenn du im Untergrund nicht an mir herumgeschlabbert hättest.“

„Du hättest mich wegstoßen können, hättest sagen können: Lass das bitte, das ist mir unangenehm. Aber du hast dir deine Kleider schneller vom Leib gerissen, als du den kubistischen Schinken von der Wand hättest nehmen können. Und außerdem: Du wolltest aus dem Konzept gebracht werden, die Verführung muss um die Ecke kommen, dich überraschen. Ich hab dich überrascht, zwar nicht um die Ecke, aber immerhin überrascht.“

„Gut, hiermit bitte ich dich um Entschuldigung, dass ich nicht standhaft geblieben bin. Also: Hat dein Traummann einen Metzgerhaken aus Edelstahl oder ...“

„Nein, was denkst du denn, er hat eine Handprothese mit richtigen Fingern. Und von diesen Händen hat er mehrere, zur Reserve. Manchmal lässt er mir seine Hand da. ,Süße‘, sagt er dann, ,nicht traurig sein, hier hast du meine Linke – zum Spielen.‘ Und manchmal vergisst er sie einfach auch. Wenn er es morgens eilig hat.“

„Wo vergisst er sie? Im Bad? An der Garderobe?“

„Unter der Bettdecke“, sagte Nadja. „Da streift sie dann meine Beine oder was ihr auch immer zwischen die Finger kommt.“

„Nein!“

„Doch!“

Er hätte lieber grundsolide Sexgeschichten für Männer geschrieben.

„Wir werden ihn Albert Hackmann nennen. Falls wir die Buchrechte ins Ausland verkaufen. Dann passt der Name im Englischen auch. So was ist wichtig. Und wenn es ganz gut läuft, könnte man eine Hackmann-Serie machen“, sagte Nadja. „Eine Art Jerry Cotton, nur eben schlüpfrig. Und Albert müsste so aussehen wie Walter Matthau. Vielleicht ein bisschen jünger.“

„Ich finde, er sollte aussehen wie Joe Mantegna“, sagte Vadim.

„Den kennt doch keiner.“

„Aber Walter Matthau schon ...?“

*

Nadja entwickelte einen Businessplan und zwang Vadim zu regelmäßigen Meetings. Sie war sich des literarischen Erfolges sicher, er hatte Angst davor.

„Warum muss es ein einarmiger Mann sein?“, fragte er. „Das ist geschmacklos.“

„Warum ist ein Einarmiger geschmacklos?“, fragte sie.

„Nicht der Einarmige ist geschmacklos. Sondern deine Fantasie.“

„Es ist also geschmacklos, mit einem Einarmigen Sex zu haben! Das ist ja ekelhaft, was du da sagst.“

„Nein, es ist ekelhaft, sich über einen Einarmigen lustig zu machen“, sagte Vadim.

„Ich mache mich nicht lustig über Albert, ich mache ihn zum Sexgott.“

„Und warum fahren die Frauen auf so einen ab?“

„Weil er nicht perfekt ist.“

Vadim sah sie an.

„Bin ich perfekt?“, fragte er.

„Du bist ein Perfektionist, der stundenlang an einem Satz herumfeilt, der Frauen danach beurteilt, ob die Proportionen stimmen. Du bist einer, der sagt: ,Aber da hätte man noch ... ‘“

„Würdest du mit mir noch mal Sex haben, wenn ich einarmig wäre?“

„Würdest du jetzt bitte den Anfang von unserem Roman laut und deutlich vorlesen, damit ich besser eintauchen kann!“

Vadim nahm einen Schluck Limonade, räusperte sich und verlieh seiner Stimme das Timbre eines versoffenen Bühnenstars:

Albert Hackmann verließ im Morgengrauen die Wohnung von Baby Jane, die abgesehen von ihrer blutroten Schlafmaske so wenig trug, wie es nur möglich war. Baby Jane schlief glücklich, so wie alle anderen glücklich schliefen, wenn er sich ihrer in der Hitze der Nacht angenommen hatte.

Er lief in seinem Glencheck-Zweiteiler über die regennasse Straße, zündete sich ein Zigarillo an und roch an dem Finger, der noch nach gleißendem Miteinander duftete.

Hackmann hatte eine echte und eine falsche Hand, er mochte sie beide, und er wusste eines ganz genau: Ein Mann muss nicht perfekt sein. „Wenn dir etwas fehlt, kümmere dich nicht darum, sondern werde unvergesslich und unverzichtbar mit dem, was du kannst.

Und ernähre dich wie ein echter Kerl ...“

„Also mich macht das nicht wuschig“, sagte Vadim.

***

„Nadja, Sie haben einen guten Einfluss auf meinen Neffen“, sagte die Gräfin beim Nachmittagstee anderthalb Jahre später, „ich habe immer Angst gehabt, dass er kriminell wird. Aber jetzt, wirklich, Vadim, ich muss dir sagen, es gefällt mir gut, dein Buch – auch wenn ich nicht alles kapiert habe. Alba hat es auch gelesen. Alba sag was. Wie findest du das Buch?“

„Lustig“, sagte Alba und nippte an ihrem Pfefferminztee.

Nadja grinste.

„Ich bin stolz auf dich“, die Gräfin reichte Vadim eine Papierrolle. „Deshalb möchte ich dir ein Präsent machen.“

„Aber Tante …“

Jetzt schau es an“, sagte die Gräfin, und Vadim öffnete die Rolle.

Es war eine Zeichnung: betende Hände.

„Ist das ein Original?“, fragte Nadja.

„Aber nein, mein Liebchen, was denken Sie denn“, sagte die Gräfin. „Meine Originale hab ich alle verkauft. Ich hab nur noch Fälschungen, das merkt doch eh keiner.“

Vadim trank sein Likörchen auf Ex.

„Hatten Sie finanzielle Sorgen?“, fragte Nadja.

„Nie. Aus Prinzip nicht. Aber der Tierschutz, die Natur, die Soldatendenkmäler, das Soziale im Großen und Ganzen ...“

Vadim sah seine Großtante an.

„Man muss Gutes tun. Du hast das auch in dir. Das spüre ich. Du tust Gutes für die Frauen. Machst sie glücklich.“

Vadim, Nadja und Alba zogen sich in Schweigen zurück.

„Haben Sie was mit meinem Neffen?“, fragte die Gräfin Nadja und reichte ihr ein After Eight.

„Nein“, antwortete Nadja. „Ich bin nur seine Muse.“

„Und ich von der Muse geküsst“, lächelte Vadim und schenkte sich ein weiteres Likörchen ein.

 

Von Gabriele Müller ist im Ars Vivendi Verlag der Kriminalroman „Dress-Code“ erschienen.

 

 

Veröffentlicht am: 18.05.2012

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