„Ritter Blaubart“ im Theater Augsburg

Ein verrückter Ritter und ein Schwächeanfall

von Volker Boser

Der verrückte Titelheld (Stephen Owen) machte durchaus Eindruck. Foto: A. T. Schaefer

Viel Aufregung bei der Premiere von Rezniceks Oper „Ritter Blaubart“ im Theater Augsburg: Zehn Minuten vor Schluss brach Dirigent Dirk Kaftan am Pult zusammen. Intendantin Juliane Votteler reagierte am schnellsten. Sie bat das Publikum, sitzen zu bleiben und abzuwarten. Nach einer Viertelstunde dann die Entwarnung: es sei „nur“ ein Schwächeanfall gewesen, offenbar ausgelöst durch eine Virusinfektion. Solorepetitor Samuele Sgambaro dirigierte das Stück zu Ende.

Rezniceks „Blaubart“, 1920 in Darmstadt uraufgeführt, verschwand nach zehn Jahren von den Spielplänen. Kein Wunder. Die Story um den irren Adeligen, der nacheinander seine Frauen ins Jenseits befördert, wurde schließlich auch von anderen musikalisch ausgiebig gewürdigt: heiter ironisch von Offenbach, expressiv dramatisch von Bartok. Die aufgemotzten Reminiszenzen an Wagner, mit denen Reznicek kokettierte,  mögen schon damals überflüssig gewesen sein. Warum einer Kopie nachlaufen, wenn man das Original haben kann?

Dennoch: Der szenische Wiederbelebungsversuch durch das Theater Augsburg, zehn Jahre nach einer konzertanten Aufführung in Berlin, machte zumindest neugierig. Manfred Weiß inszenierte die drei Aufzüge in der Gewissheit, dass allzu viel Aktionismus nur schadet. Die Sänger agierten in Kostümen der Entstehungszeit. Der verrückte Titelheld (Stephen Owen) sah ein wenig aus wie Emil Jannings im „Blauen Engel“, und das machte durchaus Eindruck.

Die schwarzweißen Filmpassagen bilden die stärksten Momente des Abends. Foto: A. T. Schaefer

Weil der Komponist immer wieder Lust verspürte, das Werk durch riesige Orchesterzwischenspiele zu dehnen, kam die Regie auf die einleuchtende Idee, Handlungsengpässe mit stummen filmischen Passagen zu füllen (Patrik Metzger) - natürlich in authentischem Schwarz-Weiß, damit die historische Atmosphäre gewahrt blieb. Diese Video-Einspielungen gehörten zu den stärksten Momenten des Abends.

Augsburgs Sänger-Team wartete diesmal, mit Ausnahme von Sally du Randt (Judith) und Mark Bowman-Hester als blinder Diener Josua, mit höchstens durchschnittlichen Leistungen auf. Was auch damit zu tun hatte, dass es sich auf unbekanntem Terrain bewegte. Bis zu seinem Blackout hatte Dirk Kaftan das prächtige Philharmonische Orchester Augsburg souverän im Griff. Ein bisschen weniger Hochdruck hätte gelegentlich gut getan. Der Beifall war höflich und steigerte sich erst, als der aus seiner Ohnmacht erwachte Dirk Kaftan erschien, blass und unsicher. Dass Rezniceks „Blaubart“ zu Unrecht übersehen wird, dafür bot die engagierte Aufführung allerdings nur wenig Argumente.

Veröffentlicht am: 09.05.2012

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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Dr. Wittmann
10.05.2012 12:40 Uhr

Bisweilen stünde es Kritikern nicht schlecht an, vorab etwas Recherche zum Thema zu betreiben. Daß Rezniceks Oper in den 1930er Jahren von den Spielplänen verschwand, hat schlichtweg darin seinen Grund, daß der Librettist, Herbert Eulenburg, im 3. Reich mit Berufsverbot belegt war, mithin die Oper nicht mehr gezeigt werden konnte.

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