Ausstellung "Im Licht des Südens"

Tafeln im Bett - Vom Zusammenfinden der Kulturen

von Jan Stöpel

Diadem aus "Bayerns Troja": Die Goldkrone von Bernstorf. Foto: Manfred Eberlein

Globalisierung gab es schon in der Antike - und früher: Die Ausstellung "Im Licht des Südens" in der Archäologischen Staatssammlung belegt bis Ende Mai mit atemberaubenden Exponaten, wie die Kulturen der bekannten Welt, die des Mittelmeerraums und Zentraleuropas einander seit der Steinzeit durchdrangen.

Oben, auf den sturmumbrausten Gipfeln, hausen die Götter oder Dämonen, die Lawinen und Steinschlag als Gruß ins Tal schickten. Tiefer Fall und schlechtes Wetter bedrohen jeden, der seinen Fuß in die Bergwelt der Alpen setzen will. Ein wahrlich schwieriges Hindernis, eine Völkerscheide: Im klaren Licht des Südens leben die Mittelmeervölker, die Italiker, Etrusker und Griechen, oben, im nebligen Norden, fellgeschürzte Barbaren, die nur dann und wann in den Süden einfallen, um zu rauben.

Relief mit römischem Reisewagen (Kopie). Maria Saal (Österreich). 2. Jh. n. Chr. Landesmuseum Kärnten, Klagenfurt am Wörthersee

Spätestens der Jahrhundertfund am Similaungletscher brachte alte Meinungen vom Gebirge als Trennmauer ins Wanken. Die Mumie eines prähistorischen Grenzgängers und  seine Ausrüstung belegten, dass nicht nur die Menschen der Antike, sondern sogar schon die der Vorzeit durchs hohe Gebirg stiefelten. Und mehr noch: Wie die Archäologische Staatssammlung in München zeigt, förderten Krieg, Diplomatie und vor allem der Handel zwischen den entferntesten Regionen Europas seit jeher den Wandel der Menschen. Ob in Religion, in Sprache oder in Tafel-Sitten: Die Menschen verschiedener Kulturkreise machten stets Geschäfte miteinander und beeinflussten einander. Alpen und Mittelmeer wirkten dabei mitnichten als Hindernis.

Ob Material für Steinbeile oder Bernstein, der die Anghörigen der Eliten schmückte: Schon in der Jungsteinzeit herrschte in Europa reger Verkehr. Den Besucher der Staatssammlung empfängt eine Kline, ein Ruhebett, das zum Lagern bei Speis und Trank konstruiert war. Die Sitte des Tafelns in der Horizontalen und das Vorbild des Möbels stammen vermutlich aus Assyrien oder dem Mittelmerrraum, doch die in München gezeigte Liege ist in einem Keltengrab in Eberdingen-Hochdorf (Baden-Württemberg) gefunden worden. An dem antiken Metallmöbel aus dem 5. Jahrhundert vor Christus ist zu erkennen, wie sich keltische und mediterrane Formen begegnen und mitunter vermischen. Auch bei den Trinksitten gab Hellas den Ton an: Die mächtigeren Kelten bevorzugten Wein aus Griechenland oder wenigstens aus Marseille, berichtete Poseidonios.

Bei den Kelten wie bei den Griechen und Italikern waren Bankette beliebt. Detail auf einem Volutenkrater aus Sirolo (Italien), 460 bis 440 v. Chr. Foto: Rupert Gebhard (AS München)

Die Krieger schätzten auch Keramik aus Griechenland, so sehr, dass sie in mehreren Fällen zerbrochenes Geschirr wieder kitten ließen - mit nichts geringerem als Goldblech. Aber nicht nur Gegenstände machten sich auf die Reise, auch technischer Fortschritt breitete sich entlang den Wanderungsrouten aus: Vermutlich waren es Schmiede im Reich der Hethiter im heutigen Anatolien, die im 15. Jahrhundert vor Christus als erste das Geheimnis entdeckten, wie man Eisen zu Waffen verarbeiten konnte. Die Schwerter aus dem neuen Material verliehen ihren Trägern eine gehörige Überlegenheit gegenüber Bronzewaffen-Trägern, und über Griechenland breitete sich die neue Technik langsam nach Europa hin aus. Auch die europäische Schrift machte eine Wanderung durch. Sie hat ihre Wurzeln bei den Phöniziern im heutigen Libanon und gewann über Zwischenstadien in der griechischen und dann der lateinischen Schrift ihre heutige Gestalt.

Die Ausstellung hat keinen richtigen Schwerpunkt. Sie bemüht sich, nahezu jeden Bereich des Lebens einzubeziehen, und das von der Jungsteinzeit bis weit in die römische Zeit hinein. Mancher wird da den roten Faden vermissen, manch anderer angesichts der Größe der Ausstellung ächzen. Allerdings sind einige der Stücke schlicht und ergreifend großartig. Da ist zum Beispiel eine Prunkrüstung aus der Zeit des großen Alexander, mit phygischem Helm und anderen Accessoires wie Beinschienen, die aber nicht in Hellas entdeckt wurden, sondern in Italien. Da ist eine rätselhafte Tonstatue einer Frau, über deren Knien der Körper eines Kindes wie leblos hingestreckt scheint. Der Kopf lässt sich abnehmen, im Inneren der Statue fand sich menschliche Asche, in einem Geheimfach der kostbare Schmuck einer hochstehenden Frau. Wirklich die Figur einer Gottheit? Oder doch eine Nachahmung etruskischer Kopfurnen, die von der Trauer einer Mutter um ihr Kind kündet?

Ein einzigartiger Fund ist auch das Prägeset eines keltischen Münzmeisters, der mit seinen Stempeln Münzen unterschiedlichster Größe schlagen konnte. Mit Barren und Torques unterschiedlichster Form belegt die Staatssammlung, wie das Geld in den Handel der Menschen Einzug nahm. Barren in der Form einer Ochsenhaut belegen, welche ursprünglichere Form sie als Zahlungsmittel abgelöst haben. Das lateinische Wort für Geld - pecunia - leitet sich denn auch von pecus, Vieh, ab.

Mit Holzrädern, Ankern, Wagenrekonstruktionen und Steigeisen für Pferde dokumentiert die Schau, wie der Fortschritt auch damals schon die Entfernungen schrumpfen ließ. Abgeschiedenheit und Isolation waren - so viel lässt sich nach dem langen Rundgang durch die Riesen-Ausstellung sagen - zu allen Zeiten eher die Ausnahme denn die Regel. Und die Globalisierung ist kein Thema des 20. Jahrhunderts. Sie begann schon mit dem römischen Weltreich, wenn nicht gar mit Alexander dem Großen.

Die Ausstellung "Im Licht des Südens" untersucht noch bis 27. Mai in der Archäologischen Staatssammlung an der Lerchenfeldstraße, nahe dem Haus der Kunst und dem Bayerischen Nationalmuseum, die "Begegnungen antiker Kulturen zwischen Mittelmeer und Zentraleuropa".

Veröffentlicht am: 05.05.2012

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