Salzburger Osterfestspiele

Brav klappert Carmen mit den Kastagnetten

von Volker Boser

Auf dem Tisch, aber unter ihren Möglichkeiten: „Carmen“-Debütantin Magdalena Kozená, Foto: Forster

Es sind die letzten Salzburger Osterfestspiele mit den Berliner Philharmonikern: Wohl um des schnöden Mammons wegen wird das Starensemble aus der Hauptstadt im nächsten Jahr in Baden-Baden aufspielen. An der Salzach übernimmt dann Christian Thielemann mit seiner Sächsischen Staatskapelle das Kommando und zeigt gleich mit der ersten Produktion, Wagners „Parsifal“, den beschwerlichen Weg auf, den das teure Schickimicki-Publikum mit ihm in Zukunft gehen soll. Zum Abschied haben sich die Berliner ein weitaus pflegeleichteres Highlight ausgesucht. Bizets „Carmen“ ist eine der meistgespielten Opern weltweit. Und überaus empfänglich für Regie-Experimente jeglicher Art.

Ist Carmen, das Zigeunermädchen aus Sevilla, etwa ein weiblicher Don Giovanni?  Eine individuelle Projektionsfläche für Wünsche und Begierden? Man kann es sich aussuchen. In Salzburg gab es vor allem ein Spektakel in Cinemascope und Technicolor zu bestaunen. Das machte gelegentlich mächtigen Eindruck, obwohl Bizet doch eher ein Werk im Stile der französischen Opera comique komponiert hat, das alles andere als knallig pompös oder knackig direkt ist.

Aber die Verführung, den riesigen Raum des Großen Festspielhauses effektvoll zu nutzen, war wohl doch zu groß. Zwischen Orchester und Zuschauerreihen hatte man noch eine zusätzliche Rampe gebaut, um den Akteuren Publikumskontakt zu gestatten. Während der „Habanera“ ergriff „Carmen“-Debütantin Magdalena Kozená die Hand einer Besucherin, um daraus zu lesen: Ein Musical-Effekt, hübsch, aber überflüssig.

Wie jede Sängerin der Carmen hatte auch sie vorab verkündet, wie sie es denn mit der Rolle halte. Zu lesen war, dass Dirigenten-Gatte Simon Rattle ihr abgeraten hätte. Auf der Bühne erlebten wir eine schlanke, rotblonde Frau, die schon mal die nackten Beine auf den Tisch legte, brav mit den Kastagnetten klapperte und das, was sie zu singen hatte, mit ernsthaftem Bemühen um Stimmkultur und Ausdruck bewältigte.

Auf der Höhe seines Könnens: Jonas Kaufmann als Don José, Foto: Forster

Doch das war zu wenig. Erotische Ausstrahlung und Körpersprache signalisierten, dass diese Traumrolle der Barock-Spezialistin eher fremd ist. Der Möchtegern-Womenizer Escamillo  passte perfekt zu ihr: Auch Kostas Smoriginas sang ansprechend, wirkte aber als Stierkämpfer auf der Bühne wie ein biederer Finanzbeamter im Fasching.

Einiges lief falsch, auch im Orchestergraben:  Die Berliner Philharmoniker zeigten zwar ihre Tugenden, kein Detail wurde übersehen, jeder Takt war akribisch ausformuliert – wie es Symphonieorchester eben gelernt haben. Doch in der Oper gelten andere Gesetze. Sänger zu begleiten bedeutet auch, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, nicht auftrumpfen zu wollen, sondern sich zurückzuhalten. Berlins Elite-Musikanten servierten alles gleichermaßen zackig, preußisch bedeutsam. Simon Rattle, ebenfalls ein „Carmen“-Debütant, forcierte, anstatt zu dämpfen. Bizets Feuer glühte in der Energie Wagners.

Dass die Regie von Aletta Collins die Handlung in die 1930er Jahre verlegte, ließ sich hinnehmen. Bedenklich war die stilistische Beliebigkeit.  Wenn es intim wurde, half ein deftiger Lichtspot, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu bündeln. Die Orchesterzwischenspiele wurden durch Tanzeinlagen angereichert. Für die Choreographie zeichnete die Regisseurin verantwortlich. Sie hat schon „Jesus Christ Superstar“ erfolgreich in Szene gesetzt. Die Flamenco-Gesten der Tänzer wirkten aufgesetzt. Nicht immer entsprachen sie der Musik, die Spanien-Klischees nur sehr sparsam verwendet.

Herr im Ring in dieser Salzburger  Osterfestspiel- „Carmen“ – sie wird im  Sommer wieder aufgegriffen – war unangefochten Jonas Kaufmann. Als Don José brachte er all das ein, was ihn derzeit auszeichnet, stimmlich glänzend disponiert, mit Mut zu erfolgreichen Mezza-Voce- Abenteuern („Blumen-Arie“) und kraftvoller Leidenschaft. Dass er in der Gunst des Publikums knapp hinter Genia Kühmeiers rührender Micaela lag, mag als Lokalpatriotismus gerade noch durchgehen: Er ist ein Münchner, sie stammt aus Salzburg.

Veröffentlicht am: 05.04.2012

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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