Eine Kurzgeschichte von Gabriele Müller

Wert

von Gabriele Müller

Eine Unbekannte sitzt im Büro, verborgen hinter einer grünen Mauer. Er sieht sie nicht, aber spürt sie. "Das ist doch nicht normal", denkt er und beschließt etwas zu tun.

 

Schwiegermutterzungen standen zwischen ihnen.

***

Er sah sie nur selten. Er hörte sie kaum. Aber er spürte sie.

Wenn sie da war, raschelte es im Gebüsch.

Seit ein paar Tagen saß er ihr gegenüber.

Manchmal begegneten sie sich im Flur. Sie trug schmale Hosen, einen Pulli und eine große Sonnenbrille. Die Haare hatte sie unter einem Kopftuch versteckt. Sie sah sehr französisch aus.

Verborgen hinter 53 Schwiegermutterzungen: Ob man die fremde Kollegin mit Softeis hervorlocken kann? (Illustration: Katharina Panecke)

 

Sie brauchte die Abgeschiedenheit an ihrem Schreibtisch.

Jeden Morgen, wenn sie kam, goss sie zuerst Wasser auf ihre Schwiegermutterzungen und staubte die langen, hohen Blätter ab. Dreiundfünfzig hatte sie um ihren Tisch gepflanzt, links und rechts und vorne. Ein Sichtschutz in drei Richtungen. Hinter ihr war die Wand.

Die grüne Mauer hatte sie zur Bedingung gemacht. Sonst würde sie hier nicht arbeiten können, hatte sie dem Chef gesagt und dass die Pflanzen gut für das Büroklima wären. Feuchtigkeit, Sauerstoff und so.

Er habe nichts gegen Grün, Grün sei gesund, hatte der Chef gesagt.

Wenn sie ihre Sansevierie versorgt hatte, setzte sie die Kopfhörer auf und schaltete den iPod an. Auf dem nichts war.

Vermutlich, so dachte sie, würde der Neue heimlich zwischen den Blättern hindurchspähen, um einen Blick auf sie zu erhaschen.

*

Durfte er eine Frau, die sich hermetisch hinter einem grünen Vorhang vor ihrer Umwelt abschottete, einfach ansprechen? Sollte er durch diesen floralen Zaun hindurchbrüllen: „Übrigens, ich bin Ihr neuer Kollege, ich finde Sie sehr skurril, aber ich habe ein Faible für Wahnsinnige und wollte Sie deshalb fragen, ob Sie in der Mittagspause mit mir zusammen ein Softeis schlecken wollen?“

Softeis würde sie eventuell verschrecken. Sie könnte befürchten, dass er ein schlecht erzogener Sexmaniac war. Und dass nichts mit ihm soft werden würde.

*

Vielleicht würde er sie demnächst fragen, ob sie eine Feministin sei, wegen des Kopftuches, wegen Simone de Beauvoir, wegen ihrer Arroganz, oder ob sie prominent, aber verarmt sei und deswegen hier inkognito schuften müsse.

Wenn er ganz leger drauf war, könnte er auch laut darüber spekulieren, wie viele Chemos sie wohl schon hinter sich habe.

Womöglich würde er mit zwei Kugelschreibern die Blätter auseinander schieben und dann zu ihr sagen: „Na, meine Süße, wollen wir in der Kantine einen Himbeerpudding verschnabulieren.“

Sie müsste dann zu ihm sagen, dass sie seine Finger an den Schreibtisch tackern würde, sollte er noch einmal ihre Schwiegermutterzungen anfassen.

*

Wenn er morgens in die Agentur für mediales Denken kam, war sie schon da. Wenn er abends die Agentur für mediales Denken verließ, blieb sie noch da.

Keiner wusste, wo sie wohnte, wie sie lebte, wer sie eigentlich war.

„Lass die Finger von ihr“, sagte man ihm, als er die Kollegen nach ihr fragte. „Sie hat geile Ideen, aber sie tickt nicht richtig.“

Mit der sei insgesamt nicht gut Kirschen essen.

Er beschloss, ihr hinterherzufahren.

*

Sie war sich sicher, dass die Kollegen über sie redeten.

„Vergiss es, bei der wirst du nicht landen“, würden sie sagen, falls er so einer war, der landen wollte.

Spätestens in ein paar Wochen würde er den Chef bitten, ob es nicht einen anderen Platz für ihn gäbe. Der Spirit sei bewölkt da, in dieser grünen Zelle, würde er vielleicht sagen und dass er unter solchen Bedingungen nicht nachdenken könne. Hinter diesen meterhohen Blattschwertern hause eine Hexe, und vor der habe er Angst.

*

Sie stellte ihr Fahrrad neben der Eingangstür ab und betrat das mehrstöckige Haus.

Fünf Fenster mit einer Balustrade davor waren von Kletterpflanzen, Efeu, Bäumchen und Blümchen beinahe zugewachsen.

Nach einer Minute gingen die Lichter in der Wohnung an.

Er stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, zündete sich eine Zigarette an und starrte auf die Fenster im vierten Stock.

*

Als sie am nächsten Morgen in die Arbeit kam, saß er schon da. In die grüne Mauer hatte er ein Fenster geschnitten.

Die abgetrennten Zungen lagen vor ihr auf dem Tisch.

„Ich wollte Ihr Gesicht sehen.“

Ihr war übel, und es kostete sie Mühe, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.

Er sah sie an und wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte. Im Grunde müsste er jetzt nur sagen, dass es ihm leid täte. Die entsprechenden Floskeln dazu hatte er sonst immer parat.

„Ich will aber Ihr Gesicht nicht sehen“, sagte sie und drehte sich um. Es war keiner da. Sie könnte gehen und nicht wiederkommen.

„Bitte laufen Sie nicht weg.“

Sie drückte ihre Tasche fest an den Körper.

„Warum wollen Sie mein Gesicht nicht sehen?“, fragte er.

„Ich habe keine Sehnsucht nach Menschen“, antwortete sie und wandte sich ihm zu.

„Das ist doch nicht normal.“

„Ich habe nie behauptet, dass ich normal bin.“

„Warum sollten Sie nicht normal sein?“

Sie setzte sich auf ihren Stuhl, legte die Tasche vor sich auf den Tisch.

„Mein jüngerer Bruder hat vor zwei Jahren jemanden getötet. Eine Freundin von mir.

Seitdem habe ich keine Freunde mehr. Meine Eltern haben keine Freunde mehr. Ich habe keinen Ehemann mehr.

Mein mittlerweile von mir geschiedener Mann geht in Therapie, weil er sich schlecht fühlt. Wegen mir. Er fühlt sich schuldig, weil er mich im Stich gelassen hat. Er schreibt mir jeden Tag E-Mails, dass es ihm so schlecht geht. Wegen dieser Sache. Dass er etwas an sich entdeckt hat, dass ihm unsympathisch ist. Darüber redet er und darüber schreibt er. Sehen will er mich aber nicht. Und jetzt soll daraus ein Buch werden. Aus seiner Situation wird jetzt ein Roman.“

„Sie sollten Ihre E-Mail-Adresse ändern.“

„Finden Sie?“

„Auf jeden Fall.“

„Ich weiß nicht mehr, was ich wert bin. Wert bin mit diesem Bruder. Wert bin ohne diesen Bruder.“

Er nahm eine der abgeschnittenen Zungen in die Hand und strich mit dem Daumen darüber.

„Die Leute standen vor dem Haus meiner Eltern. Sie haben reingegafft. Manchmal haben sie auch unangenehme Dinge gegen die Fenster geworfen.“

„Können Sie die Brille abnehmen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Warum nicht?“

„Meine Augen sind hässlich.“

„Vom Weinen.“

Sie nickte.

„Ich werde Ihnen die Pflanzen ersetzen.“

„Danke.“

Sie nahm ihren iPod aus der Tasche, hielt ihn in der Hand.

„Manchmal gehe ich an das Grab meiner Freundin. Heimlich. In der Dämmerung. Und ich besuche meinen Bruder regelmäßig im Gefängnis.“

Sie schwiegen.

Er würde sicher froh sein, wenn die Sansevierie wieder zwischen ihnen standen. Wenn er sie nicht mehr anschauen musste. Vielleicht würde man ihm auch einen anderen Arbeitsplatz zuweisen.

Alles würde sich beruhigen.

Oder sie würden ihren kündigen. Und auch das wäre eine Beruhigung.

„Darf ich Sie begleiten, wenn Sie das nächste Mal an das Grab Ihrer Freundin gehen?“

„Warum?“

„Weil Sie da schon oft genug alleine hingegangen sind.“

*

Er parkte in der Nähe des Haupteingangs, stieg aus, ging um das Auto herum, öffnete die Beifahrertür, reichte ihr die Hand.

Und sie nahm sie an.

 

Von Gabriele Müller ist im Ars Vivendi Verlag der Kriminalroman „Dress-Code“ erschienen

Veröffentlicht am: 23.03.2012

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