Zur Premiere im Volkstheater

"Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace auf der Bühne - Zwischen Genie und Wahnsinn

von Gabriella Lorenz

"Am Ende verstummt er völlig", Justin Mühlenhardt als Hal (Foto: Arno Declair)

Die trauen sich was: Regisseurin Bettina Bruinier und Dramaturgin Katja Friedrich sind Spezialistinnen für Romanadaptionen, aber so ein Mammutbuch wie "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace ist eine extreme Herausforderung. Hauptdarsteller Justin Mühlenhardt gibt verschämt zu, er habe nicht mehr als 200 der 1500 Seiten geschafft. Auch die wenigsten Zuschauer werden das hochkomplexe, schwer verständliche Zeitgeist-Monumentalepos komplett gelesen haben. Ob daraus auf der Bühne eine plausible Geschichte wird, muss sich heute im Volkstheater zeigen.

Das "Time Magazine" rechnete das 1996 erschienene Werk zu den 100 wichtigsten Romanen der letzten 80 Jahre: ein Zustands-Kaleidoskop der westlichen Kultur. Im Mittelpunkt steht Hal Incadenza: ein 18-jähriges Wissenschafts- und Tennis-Wunderkind zwischen Genie und Wahnsinn, das Lexika zitiert und Fremdwörter liebt. Darsteller Justin Mühlenhardt sagt: "Bei ihm kommt eine große Einsamkeit dazu, die typisch ist für viele Jugendliche heute. In Hal und seinem Vater spiegelt sich viel  vom Ego des Autors David Foster Wallace, der sich wegen Depressionen 2008 erhängte. Der war ja auch ein Tennis-Crack und hat im Leben nicht geschafft, was er mit dem Buch versucht hat: seinen intellektuellen Input nach außen umzusetzen. Das kann Hal auch nicht, er kehrt sich immer mehr nach innen. Am Ende verstummt er völlig."

Hals Vater Jim war ein Genie: Vor seinem Selbstmord in der Mikrowelle drehte er für seinen depressiven Sohn Hal den Film "Unendlicher Spaß". Der macht jeden Zuschauer so süchtig, dass er vor der Leinwand stirbt. Dieses verschollene Original suchen Terroristen und der Geheimdienst bei Hal und seinen Drogen-Gefährten in der Entzugsklinik, die neben der von Jim gegründeten Tennis-Akademie liegt. "Nah am Leben", lacht Mühlenhardt. "Alle haben einen Riesenschaden, sind aber mit Liebe gezeichnet und werden nie lächerlich gemacht."

Hal zitiert auswendig aus Lexika, liebt die Wissenschaft und macht auch noch auf dem Tennisplatz eine gute Figur. (Foto: Arno Declair)

 

Die Bühnenbearbeitung stellt die Familienstory an den Anfang und legt den Fokus auf das problematische Verhältnis der Eltern zu den drei Söhnen, erklärt Mühlenhardt. Er versteht Hals Kommunikationsverweigerung: "Man kannn seine Gedanken nicht mitteilen, eine Barriere bleibt immer: Der andere steckt ja nicht im eigenen Kopf. Hal kifft viel - auch das war ein Problem des Autors. Viele versuchen, sich über Drogen und Alkohol eine Welt zu bauen, in der sie glauben, besser zurecht zu kommen. Die nüchterne Realität ist schwer zu verarbeiten."

1500 Seiten in drei Stunden - ob das gut geht? (F: Salvan Joachim)

Justin Mühlenhardts Mutter war Schauspielerin - er hat sie aber nie spielen sehen, weil sie mit seiner Geburt das Theater aufgab. Trotz erfolgreicher Schultheater-Aufführungen in seiner Heimatstadt Nürnberg konnte er sich auch andere Berufe vorstellen: Er arbeitete als Zivi in Irland mit Behinderten. Dann landete der doch an der Falckenberg-Schule. Von dort holte ihn Christian Stückl 2008 direkt ans Volkstheater.

Mühlenhardt sieht die Vor- und Nachteile eines so jungen Ensembles klar: Einerseits kann man Rollen spielen, die man an großen Häusern nicht bekäme, andererseits fehlen die großen Kollegen-Vorbilder, von denen man lernen kann." Er findet es spannend, immer wieder mit neuen jungen Regisseuren zu arbeiten: "Schauspielerei ist ein permanentes Lernen, sonst verliert man den Durst auf Neues."

"Unendlicher Spaß" am 22., 23. März 2012, 19.30 Uhr, im Volkstheater, Tel. 523 46 55

 

Veröffentlicht am: 22.03.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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