Münchner Erstaufführung von Detlev Glanerts Oper "Joseph Süß" am Gärtnerplatz: Keiner bleibt unbefangen

von Volker Boser

Stefan Sevenich, Gary Martin (Foto: Hermann Posch)

Obwohl die Story alles enthält, was im Zeitalter schnell verderblicher TV-Unterhaltung für Quoten sorgt, traut sich keiner mehr so recht an sie heran. Schuld daran ist Veit Harlans unsäglicher Film „Jud Süß“, der im Gegensatz zu Lion Feuchtwangers literarischer Annäherung auf perfide Weise die Persönlichkeit des 1738 in Stuttgart hingerichteten „Hofjuden“ Joseph Süß verzerrte, damit sie den Zielen der NS- Propaganda entsprach. Detlev Glanerts Oper, die jetzt am Gärtnerplatztheater ihre Münchner Erstaufführung erlebte, hält dagegen: Sie rehabilitiert einen ungemein wirksamen Theaterstoff und erzählt die Geschehnisse um den cleveren Kaufmann und Finanzjongleur am Hof des württembergischen Herzogs Karl Alexander in knappen Skizzen.

Ideologie bleibt vor der Tür. Nach 90 spannenden Minuten ohne Pause darf ausgiebig geklatscht werden.

Glanert und seine beiden Librettisten Werner Fritsch und Uta Ackermann haben Teile aus Lion Feuchtwangers Theaterstück und späterem Romans übernommen und verdichtet. Aufstieg und Fall des Joseph Süß werden in Rückblenden erzählt. Eine Drehbühne erlaubt es, zwischen den einzelnen Kapiteln der Handlung ohne größere Unterbrechungen zu blättern. Der Hauptdarsteller ist ständig auf Achse, weil er mal im barocken Kostüm und dann wieder in Kerkerkluft zu agieren hat. Gary Martin schafft das mit sportlichem Elan und höchster gesanglicher Intensität.

Gary Martin (Foto: Hermann Posch)

Dass er den Intrigen am Hofe zum Opfer fällt, wird auf der Bühne dank einer vereinfachenden, aber holzschnittartig charakterisierenden Regie (Guy Montavon) unmissverständlich vorgeführt. Stefan Sevenich darf als Herzog von Württemberg die Sau rauslassen: geil, geldgierig und unappetitlich. Unverkennbar sind die Vorbilder: Puccinis fieser „Scarpia“, Lortzings eitler Bürgermeister „Van Bett“, Verdis lustvoller „Falstaff“. Wie zumeist, übertreibt Sevenich auch diesmal ein wenig und dennoch: Dass der Sänger zur Komischen Oper nach Berlin wechselt, ist ein herber Verlust.

Man muss dem scheidenden Intendanten Ulrich Peters höchstes Lob dafür zollen, dass er ein musikalisch derart anspruchsvollen Werk abseits des Mainstream derart hochklassig zu besetzen vermag. Mark Bowman-Hester als schmierig intriganter Weissensee, Karolina Andersson als Koloratur-Kätzchen Graziella, die dem Herzog mit dem Wunsch nach einem Opernhaus auf die Nerven geht, und alle anderen bieten weit mehr als lediglich einstudierte Bühnenroutine.

Mark Bowman-Hester, Thomas Peters (Foto: Hermann Posch)

Dem Dirigenten Roger Epple gelingt es, Orchester und Sänger für eine Musik zu interessieren, die ein wenig zwischen den Stilen pendelt. Die Klangästhetik bewegt sich zwischen barocken Motivfloskeln und milder Moderne – Abonnenten dürften aufatmen. Im Programmheft erklärt der Komponist, warum so manche Instrumentengruppe fehlt, etwa Geigen und Hörner: „So sah in den 1930er Jahren jedes deutsche Orchester aus, nachdem die Juden Arbeitsverbot erhalten hatten.“

Also doch. Obwohl der Eindruck überwiegt, dass Detlev Glanerts Oper „Joseph Süß“ und deren bemerkenswerte Realisierung am Gärtnerplatztheater so gar nichts Hintergründiges im Sinn haben: Unbefangen bleibt hier keiner.

Nächste Vorstellungen am 7., 11., 20. und 22. März 2012

Veröffentlicht am: 05.03.2012

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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