"ETA" und Gert Neuner sind zurück, mit Verblüffendem und Wüstem - nur zu verstehen gibt es nichts

von Gabriella Lorenz

Dekonstruiert und verpuzzelt im i-camp. Foto: Volker Derlath

Von der Decke hängt ein meterlanges rundes Technik-Ding: Riesenbohrer oder Betonmischer? Es entfaltet sich dann zu gestapelten Mülltonnen, die prasselnd Bauschutt entlassen, auch auf einen hilflos an der Aufzieh-Vorrichtung hängenden Bauarbeiter. Ein starkes, komisches Bild in „Fuck it square“ im i-camp. Sowas kann der Szene-Veteran Gert Neuner, der von 1983 bis 2008 mit seinem ETA-Theater jährlich ein rätselhaftes Projekt inszenierte. Nach vier Jahren Pause meldet sich das ETA zurück - mit dem wohl Wirrsten, das Neuner je ersonnen hat.

Geschichten erfinden konnte er immer, sie zu Ende erzählen nie. Hier gibt es eine nur noch Vorgeschichte über Videotext: Computer-Experte Tom hat für seine Frau den virtuellen Sohn Kevin programmiert. Jenny konzentriert ihr Leben auf den Avatar, kauft Schuhe und kocht für ihn. Tom wird an den Rand gedrückt, verliert seinen Job, bringt Jenny um und landet auf der Straße. Nur Kevin kann er nicht löschen: Jenny hat ihn millionenfach kopiert.

Dieses Material dekonstruiert und verpuzzelt Neuner zu einer wüsten Collage, die man allenfalls noch als Albtraum des verrückt gewordenen Tom deuten kann. Die Schauspieler sind klasse: Verzweifelt windet sich der glänzende Ari Mog als Tom in einer Bar, auf der Straße, vor seinem coolen Psychiater (Hannes Liebmann) oder dem verfressenen George (hochkomisch Sängerin Alison Welles, die am Schluss noch die Operndiva gibt).

Dazwischen geistern ein bulgarischer Bauarbeiter (Robert Erby) und ein Gerichtsvollzieher (Joachim Vollrath), die sich auch als Rentner „Waschmaschine“ und „Unterhose“ bekriegen, sowie eine Pennerin (Antoinette Wosien). Katharina Friedl deklamiert als nuttige Jenny-Wiedergängerin in Brecht-Manier über die Zerstörung der Städte. Es wird herumgesaut, verbal-fäkal und real mit Hamburger und Ketchup, es gibt absurde Szenen, verblüffende Bilder, einen tollen Soundtrack. Nur zu verstehen gibt's nichts.

i-camp, Entenbachstraße 37, bis Sonntag (4. März 2012), 20.30 Uhr, Tel. 65 00 00

Veröffentlicht am: 04.03.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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