Jules Verne am Resi - die Kritik: Dorn war mit Kindertheater besser, die Schauburg ist besser

von Gabriella Lorenz

Bunt, laut, lang. Von links nach rechts: Jens Atzorn, Thomas Gräßle, Alfred Kleinheinz, Paul Wolff-Plottegg, Johannes Zirner, Michele Cuciuffo, Barbara Melzl, Katrin Röver. Foto: Thomas Dashuber

Das klingt nach Pioniertat: Resi-Intendant Martin Kusej öffnet das große Haus fürs Kindertheater, Tina Lanik inszenierte Jules Vernes Abenteuer-Klassiker „In 80 Tagen um die Welt“ für Menschen von 8 bis 80. Nach dieser Premiere keimt allerdings der Verdacht, dass die Resi-Macher das Kindertheater der letzten 30 Jahre verschlafen haben und nur das geschmähte, aber beliebte Familien-Weihnachtsstück jahreszeitlich flächendeckend in den Spielplan schmuggeln wollen.

Wie sowas ohne kreischende und grimassierende Anbiederei geht, hat Dieter Dorns Shaw-Inszenierung „Androklus und der Löwe“ 2006 gezeigt. Man hätte auch mal im renommierten Jugendtheater Schauburg gucken können, wie Kindertheater heute aussieht.

Hier sieht es hauptsächlich schön bunt aus. Regisseurin Tina Lanik und Bühnenbildner Stefan Hageneier bemühen die Theatermaschinerie. Im rosa Lillifee-Floral-Dekor nimmt der in seinen Gewohnheiten unerschütterliche Gentleman Phileas Fogg (Johannes Zirner) sein Schaumbad, entlässt ganz nebenbei wegen einer Kleinigkeit seinen alten Butler, engagiert den naiven Franzosen Passepartout (Thomas Gräßle) als Diener und verwettet eine Stunde später an seine Kartl-Partner im Reform-Club sein Vermögen: Er will - anno 1873! - die Welt in exakt 80 Tagen umrunden. Auf der Drehbühne wird der viktorianische Salon zum Zug- und Dampfer-Interieur, seine Hausfassaden-Rückseite zum Schiff oder zur Polarstation, wo ein netter Eisbär Fellmäntel verteilt.

Die Bühnenfassung des Autorenkollektivs Soeren Voima spart alle Suspense-Momente aus. Immer, wenn's spannend wird, wie man den nächsten Anschluss erreicht, gibt's einen Schnitt, und schwupps, schon sind alle erklärungs- und übergangslos an Bord des nächsten Vehikels. Regisseurin Tina Lanik hat schöne, manchmal surreale Ideen: Da flitzen die Reisenden statt im Eissegler-Schlitten als Eisläufer dahin. Kitsch muss sein - in Japan regnet's Kirschblütenblätter -, ebenso der Griff in die Zaubertrick-Kiste. Die hübschen riesigen Puppenköpfe werden überstrapaziert: Passepartout muss seinen so lange tragen, bis er nach einem Opiumrausch wieder weiß, wer er ist.

Was nicht sein müsste, sind die schrillen Knallchargen: Barbara Melzl hält in jeder Nebenrolle den Kreisch-Rekord, Alfred Kleinheinz holt als singender Käptn den Musikantenstadl ins Resi. Jens Atzorn und Paul Wolf-Plottegg bleiben unidentifizierbar dezent. Die vor der Verbrennung gerettete indische Jung-Witwe spielt Katrin Röver als billiges Bollywood-Flittchen. Michele Cuciuffos Inspektor Fix, der Fogg als vermeintlichen Bankräuber jagt, erfüllt das Klischee des doof-schlauen Kriminalers. Johannes Zirner gibt dem Stoiker Fogg immerhin federnd-sportliche Sprung-Dynamik.

Alles schön bunt, schön laut, und mit fast drei Stunden viel zu lang. Als Familien-Inszenierung ist das eine lässliche Unterhaltungssünde, als Resi-Einstieg ins Kindertheater ein fundamentales Missverständnis.

 

Residenztheater, wieder am 28. Februar 2012, 4., 5, 11., 12., 16., 18., 19. März, Tel. 2185 1940

Veröffentlicht am: 28.02.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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