Armin Petras' Ibsen-Drama "John Gabriel Borkman" in den Kammerspielen: Im Bergwerk der verschütteten Gefühle

von Gabriella Lorenz

Was will uns Superman nur sagen? (Von links nach rechts: André Jung, Wiebke Puls, Lasse Myhr, Cristin König, Hildegard Schmahl). Foto: Julian Röder

Furiose erste Hälfte, dann unbekümmerte Groteske: "John Gabriel Borkman" in den Kammerspielen ist so überdreht wie verwitzelt. Doch das Publikum bei der Premiere ging mit - es gab nur Applaus.

Nackt steht Erhart da, schwenkt den Pimmel, als wär's eine Sektflasche nach einem Formel-1-Sieg und schreit: „Ich bin jung, radikal jung... Ich kann mein Leben nicht mit euren Problemen versauen.“ Klare Absage an Vater, Mutter und Tante, die alle für ihre Ziele den Korpsstudenten vereinnahmen möchten.

Doch der schlüpft ins Superman-Kostüm und verkündet in einem Riesenmonolog, der nicht bei Ibsen steht, sein von Regisseur Armin Petras formuliertes künstlerisches Credo: „Nur keine Geschichten mehr erzählen - unerträglich... Es geht darum, Geschichten zu unterbrechen und damit neue Verläufe zu finden... Kümmere dich nicht um Stil, sondern darum, was du sagen willst.“

Daran hielt sich Petras bei Henrik Ibsens Drama „John Gabriel Borkman“ in den Kammerspielen. Nach einer furiosen ersten Hälfte verläuft sich seine Inszenierung stilistisch unbekümmert in die Groteske und Karikatur. Wenn man nur wüsste, was Petras damit sagen will. Erstaunlicherweise gab's bei der Premiere nur Applaus.

Der Banker John Gabriel Borkman hat für seine Vision der Erschließung von Bodenschätzen Millionen verzockt und tausende Anleger in den Ruin getrieben. Fünf Jahre war er im Knast, seit acht Jahren lebt er im selbstgewählten Hausarrest und träumt vom großen, ehrenvollen Comeback. Seine Frau Gunhild und sein Sohn Erhart meiden jeden Kontakt mit ihm, nur der lächerliche Amateurdichter Foldal - auch er ein Opfer des Finanz-Crashs - und dessen klavierspielende Tochter Frieda leisten ihm ab und zu Gesellschaft. Bis Gunhilds Schwester Ella, Borkmans frühere große Liebe, in seine Einsamkeit einbricht und die Vergangenheit aufrührt.

Ein Sturm wirbelt immer wieder Papierblätter auf die Bühne - wertlose Aktien oder vielleicht nur Kinderzeichnungen. Das Bühnenbild ist eine Wucht: Olaf Altmann klatscht die engen Gänge eines Bergwerks in verwegen expressionistischem Zickzack an eine Metallwand. Ein Bergwerk der verschütteten Gefühle. In diesen schrägen, schmalen Stollen kann man nur kauern, kriechen, klettern, rutschen und sich blutig schrammen. Wer sich auf den Kopf stellen oder in große Gesten ausbrechen will, seilt sich vorher an. Nur Borkman hat ganz oben noch halbwegs Kopffreiheit: Der großartige André Jung spielt ihn fahrig, halb verwahrlost, immer noch großspurig und arrogant, uneinsichtig jeder Realität entrückt.

Die so aktuell scheinende Finanz-Crash-Story interessiert Petras wenig - auch für Ibsen war sie 1896 nur Folie für die Vernichtung von Menschen durch Geldgier. Deren Gegenpol ist ihre Lebensgier. Zwischen der in Rachegedanken verhärteten Gunhild (Cristin König) und der nicht selbstlosen Wohltäterin Ella (großartig: Wiebke Puls) tobt Zickenkrieg, der Ton ist hitzig, aufgeregt, aggressiv. Unter Schwestern prügelt man sich auch mal, ehe man wieder gemeinsam die Lehnen des einzigen Sessels besetzt. Bis zur Pause ist der exaltierte Furor der Spielweise mitreißend und packend.

Dann ändert sich die Spielhaltung, die Manierismen aber bleiben: Nun wenden sich die Darsteller frontal ans Publikum, wollen die Zuschauer zu Komplizen machen. André Jung spricht sich als Borkman frei von jeder Schuld, Cristin König heischt mit jedem bösen Satz augenblinzelnd Zustimmung, Lasse Myhr zieht als champagnerbesoffener Nichtsnutz Erhart die große Nackt- und Superman-Show ab.

Artgerechte Haltung bewahren nur Wiebke Puls, deren Ella geradezu fröhlich erklärt: „Ich sterbe“, sowie die wunderbare Hildegard Schmahl als Erharts Senioren-Geliebte Fanny: Aus scheinbarer Schläfrigkeit entwickelt sie hellwache Ruhe und souveräne Abgeklärtheit. Michael Tregor hingegen macht schon im ersten Teil eine frei erfundene Karl-May-„Szähne“ aus Foldals Dichtung zur Lachnummer und gibt dann einen in Papp-Beinschienen staksenden Unterhosen-Clown, dem es nicht zu peinlich ist, „König Lear“ zu zitieren.

Foldals Cordelia ist seine Tochter Frieda: Die Szene-Musikerin Hanna Plaß, die auch am Flügel Songs unter anderem von Rio Reiser schmettert, spielt sie aufmüpfig, ebenso selbst- wie karrierebewusst. André Jung muss Mäntel im Publikum verteilen, vor sich hin improvisieren und sich in Containern abschiedswinkend über die Bühne schieben lassen, ehe Borkman zum mortalen Gipfelsturm ansetzt. Aber da passt der Tod schon längst nicht mehr in Petras' verwitzeltes Konzept.

 

Kammerspiele, 23., 29. Februar, 10., 22., 25., 29. März 2012, 19.30 Uhr, Tel. 233 966 00

Veröffentlicht am: 20.02.2012

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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