Okwui Enwezor will das Haus der Kunst zum Schweben bringen

von Barbara Teichelmann

Das Museum als "reflexiver Apparat": Buchstaben am Fries machen den Anfang, Foto: Marino Solokhov

Die erste große Pressekonferenz ist vorbei und man weiß noch immer nicht, ob ihm das Bier schmeckt und ob er Weißwürste mag. Und davon, dass die schönen Berge so verdammt nah liegen, hat er auch nicht geschwärmt. Das irritiert so manchen Münchner, denn der liebt nun mal die bayerische Bauchpinselei. Doch Okwui Enwezor, seit Oktober 2011 neuer Direktor im Haus der Kunst, hat es nicht so mit dem medienwirksamen Schöngetue, statt dessen hat er ambitionierte und spannende Ideen, die er in den nächsten fünf Jahren umsetzen möchte.

Auch wenn das Haus der Kunst in München steht, legt Enwezor Wert darauf, dass er und damit also auch die grundsätzliche Ausrichtung des Programms für einen globalen Ansatz stehen. Deshalb sei er auch oft unterwegs. Fast wirkte das so, als entschuldige sich der Neue für seine internationale Umtriebigkeit, zum Beispiel für seine Tätigkeit als Hauptkurator der diesjährigen Triennale in Paris, zumindest aber wollte er sie erklären. Dabei sind es diese Vernetzungen und Synergien, wie sie Enwezor mitbringt, die einem Museum ohne eigene Sammlung zu Gute kommen. Und genau das hat er vor: Er möchte das Haus öffnen, die Welt nach München holen, das Museum zu einem globalen Ort machen.

Zunächst wird das ganz konkret im Baulichen umgesetzt, die Arbeiten laufen seit einer Weile, die ersten Ergebnisse kann man bereits besichtigen: Der bodenlange Vorhang, mit dem unter Vorgänger Chris Dercon die Mittelhalle abgeteilt und unterteilt wurde, liegt ab sofort im Archiv, so dass man freien Blick und freie Bahn hat, wenn man das Gebäude betritt, die große Halle soll künftig ein öffentlicher Raum, eine „public plaza“ sein. Der Buchladen wurde in einen angrenzenden Raum umgezogen, und die – seit den 50er Jahren geschlossenen – seitlichen Treppenhäuser zu den Nord- und Südgalerien im ersten Stock wieder geöffnet, so das man von der Mittelhalle aus zentral alle Ausstellungen erreichen kann. Die historische Dokumentation, bisher recht beiläufig im Flur untergebracht, soll bis 2013 in eine Dauerausstellung mit Archivmaterial zur 75-jährigen Geschichte des Hauses erweitert und in einem Seitenraum Platz finden.

Auch das Erscheinungsbild und der Internetauftritt werden erneuert und verändert. Gemäß dem neuen Motto „Stretch your view ­– erweitere Deinen Blick“ hat die Agentur „Base Design“ eine Art dynamisches Logo erfunden, in dem sich die einzelnen Buchstaben von „Haus der Kunst“ in variablen Abständen, also jedes Mal aufs Neue positionieren. Auf dem Fries des Gebäudes wurde symmetrisch rechts und links jeweils ein Schriftzug angebracht, elektronische Werbetafeln sollen folgen.

Global unterwegs: 1963 in Nigeria geboren, studierte, lebte und arbeitete Okwui Enwezor mehrere Jahre in den USA, 1998-2002 war er künstlerischer Leiter der documenta 11, Foto: Jeff Weiner

In drei Richtungen will Enwezor das Programm ausbauen: Neben Ausstellungen zur Gegenwartskunst sollen die Bereiche Forschung und Bildung gestärkt bzw. eingerichtet werden. Das Ergebnis nennt Enwezor einen „reflexiven Apparat“, der mit „Elastizität, Flexibilität und Klarheit“ die „globale Perspektive der Gegenwartskunst schärfen“ soll. Das klingt schon mal gut. Was das konkret bedeutet, wird man aber frühestens Ende dieses Jahres erfahren: Am 23. November wird die erste von dem neuen Direktor selbst kuratierte Ausstellung "ECM - eine kulturelle Archäologie" über das in München gegründete Plattenlabel eröffnet. „Da müssen sie bitte alle kommen.“ sagt er und es sieht aus, als freue er sich sehr auf diesen Zeitpunkt, an dem seine Ära greifbar werden wird.

Das Programm bis dahin ist zwar interessant, entstammt aber noch Chris Dercons Planung: Eine Werkschau des 1972 geborenen polnischen Malers Wilhelm Sasnal (3.2.. bis 13.5.), gefolgt von der Retrospektive (17.2. bis 20.5.) des Fotokünstlers Thomas Ruff, der bei Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie Düsseldorf studierte. „Bild-gegen-Bild“, eine kritische Auseinandersetzung mit der medialen Bildmaschinerie zum Thema Krieg und Konflikt startet Anfang Juni, zeitgleich wird das 75-jährige Bestehen des Museums mit der Ausstellung „75/20 Haus der Kunst“ begangen.

Seine Zukunft als neuer Direktor beginnt also mit einer Rückschau auf Vergangenes, strukturellen Veränderungen und großen Erwartungen. Als fest stand, dass er nach München kommen und das Haus der Kunst die nächsten fünf Jahre leiten wird, habe er sich das Gebäude angesehen, eine „unglaubliche Schwere“ bemerkt und beschlossen: „Mein Ziel wird es sein, dieses Gebäude schweben zu lassen. Wenn es sich einen Millimeter über den Boden erhebt, habe ich es geschafft.“ Eine schöne Zukunftsvision.

Veröffentlicht am: 23.01.2012

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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