Eisenherz-Double-Feature in der Schauburg: Vom Prinzen zum Helden und wieder zurück

von Barbara Teichelmann

Prinz Eisenherz begegnet dem Zauberer Merlin (Thorsten Krohn und Markus Campana v.l.n.r.), Foto: DigiPott

Ab sofort gibt es den Prinzen mit dem Pagenkopf auch im praktischen Doppelpack. Man geht einmal ins Theater, bekommt zwei Stücke zu sehen, dazwischen ein „Intermezzo mit zwei âventiuren“, eine Suppe und ein Getränk. Kurzum: „…ein besonderes Event für alle, die sich für einen Abend lang mit den Sagen aus der Zeit König Arthurs aus ihren alltäglichen Daseinszusammenhängen lösen wollen.“ So steht es auf der Homepage der Schauburg. Ab elf Jahren darf man sich in das knapp vierstündige Theaterabenteuer „Prinz Eisenherz – Das Double Feature“ stürzen.

Leise Stimmen wispern, lautere Stimmen flüstern. Der Abend beginnt im Dunkeln. Jemand macht „psssst!“, und schon kann man die leisen Stimmen besser verstehen, sie sind überall, mitten unter uns: „Prinz Eisenherz“ wispern sie, „Thule“, „vertrieben“, „neue Heimat“. Die Musik schwillt an. Wer jetzt nicht gerade dringend mit seiner Freundin flüstern muss, kann sich fallen lassen in das Dunkel, das Gewisper, in das, was da kommen wird. In diesem geheimnisvollen Zaubertopf der Worte und Klänge braut sich eine Geschichte zusammen. Plötzlich explodiert die Musik, Strobolicht zerschneidet die Dunkelheit, die Mädchen kreischen schrill auf. Die Jungs sind bestimmt auch ein bisschen erschrocken, verhalten sich aber deutlich ruhiger. Als potentieller Held gibt man sich angriffslustig und forsch.

Helden kreischen nicht

Prinz Eisenherz noch ohne Pagenkopf (Markus Campana), Foto: DigiPott

So wie Prinz Eisenherz, der gerade mit seinen Eltern im Exil in Fennland angekommen ist. Sofort macht sich der junge Prinz auf, seine neue Umgebung zu entdecken. Er sieht seltsame Vögel, glitschige Molche, Ratten und Spinnen. Lauter Kleinkram. Keine Herausforderung für einen, der unbedingt ein Held werden will, also ruft er lauthals nach einem Ungeheuer. Und schon taucht eines auf, ein schrecklich grünes, das umgehend getötet wird. Aber auch ein Prinz hat eine Mama und auch eine Prinzenmama findet es nicht gut, wenn man einfach so, ohne zu überlegen, alles kaputtmacht. „Was werden die Bewohner sagen?“ tadelt sie ihren Sohn. Der schaut recht unschuldig und fragt: „War es nicht recht?“ Während sich der Prinz nun im Schoß der Mutter verkriecht, erklärt die ihm mit pädagogisch-milder Stimme, dass alles Töten Hass nach sich zieht, was wiederum Töten nach sich zieht, was wiederum Hass nach sich zieht und ewig so weiter. Deshalb solle er das Töten bleiben lassen, und ein Held braucht er auch nicht zu werden. Das weibliche Prinzip eben. Das männliche Prinzip lässt sich davon aber wenig beeindrucken, und als der Prinz kurz darauf den verwachsenen Thorg trifft, schlägt er ihn zusammen. Einfach so, wahrscheinlich weil ein angehender Held eben tun muss, was er tun muss.

Das, was die Anderen gerne wären

Und das soll Prinz Eisenherz sein? Einer, der auf alles eindrischt, was ihm begegnet? Er sieht auch gar nicht aus wie der Comicprinz, sondern trägt Locken und einen Parka. Erst im Laufe des Abends nähert sich seine Figur inhaltlich wie optisch dem an, den wir zu kennen meinen: Stolzer Ritter im blauen Gewand, mit Schwert und Pagenkopf. Was bedeutet es, ein Held zu sein? Gibt es Helden, oder ist das ein erfundener Mythos – so wie die Comicfigur? Um diese Fragen kreisen „Der Prinz von Thule“ und „Heldenträume“, der erste und der neue zweite Teil der Prinz-Eisenherz-Reihe, in der Schauburg. „Ein Held ist das, was die Anderen gerne wären,“ so sieht es der Prinz und definiert sich selbst als Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte. Wir sind „die Anderen“ , verdammt zur Mittelmäßigkeit, weshalb wir Helden lieben und selbst gern einer wären, wenn es nicht so anstrengend wäre, immerzu edel hilfreich und gut zu sein. Also erfinden wir welche, zum Beispiel den Eisenherz. Wobei – dieser Prinz ist eigentlich alles andere als hilfreich und gut.

Ritter Gawain nebst Pferd und Knappe (Markus Campana und Johannes Klama v.l.n.r.), Foto: DigiPott

Getrieben von der fixen Idee, ein berühmter Held zu werden, kämpft und schlägt er sich ohne Rücksicht durch die Welt, und alles was ihm begegnet, gerät ihm zum Abenteuer. Aber Moment, die Ungeheuer sind gar nicht so blutrünstig, wie wir dachten, und seine Feinde sind bei genauerem Hinsehen ein Haufen Blech. Zack! Boing! Kaputt! Aber Prinz Eisenherz kämpft trotzdem, kämpft um des Kämpfens willen, und dass er dabei einen Ritter von der absurden Gestalt abgibt, ist nicht zu übersehen. Boysen führt uns die Lächerlichkeit des Heldenmythos vor Augen, und macht so deutlich, wie komisch unser Wunsch nach einem idealen Alter Ego eigentlich ist: Eine fixe Idee, nicht viel mehr. Im besten Fall: Ein Spiel, dessen wir uns bewusst sind. So ist es nur konsequent, dass die sagenhafte Tafelrunde des König Artus ein Haufen abgehalfterter Puppen ist, mit denen wir schon zu lange gespielt haben, und die jetzt vor sich hinsabbern und jammern. So also sehen unsere Helden aus: Verstaubte Vorstellungen, in die Jahre gekommene Ideale, arthritisgeplagt, wehleidig, zum Fürchten komisch und auf keinen Fall ernst zu nehmen.

Der zerlegte Mythos

Sich dem Mythos der Comicfigur zu nähern, indem man sie in die Einzelteile unserer Heldensehnsucht zerlegt, ist clever. Bis zu welchem Punkt das für Elfjährige nachzuvollziehen ist, ist fraglich, aber solange altersübergreifende Sätze wie „Auf dich kommt es an, Du musst an dich glauben!'  fallen, kann wahrscheinlich ein jeder dem Treiben auf der Bühne das Seinige abgewinnen. Man muss auch nicht alles verstehen, um Spaß zu haben, denn beide Inszenierungen glänzen mit originellen Regieeinfällen: Der konsolenerprobte Blechritter, das geheimnisvolle Feenkleid, der stolze Ritter Gawain auf seinem Luftpferd… Das ist Theaterzauber, da wird gestaunt und schon mal gefragt „wie das denn geht.“ Unnötige Längen, die in beiden Stücken auftreten, federn die Musiker Taison Heiss und Greulix Schrank mit ihrem handgemachten Soundtrack ab.

Prinz Eisenherz trifft die schöne Fee Morgana (Josephine Ehlert), Foto: DigiPott

Der erste Teil, eine Art Exposition, zeigt, wo der Prinz herkommt und wo er hin will, nämlich an den Hof König Artus. Im zweiten Teil begegnet der unglücklich verliebte Held einer Fee, einem Zauberer und der Zeit und muss sich entscheiden, ob er mit dieser gehen, oder in der märchenhaften Welt der Wunder sein Glück suchen möchte. Trotzdem sich beide Inszenierungen übergeordnete Fragen stellen und auch zu beantworten versuchen, fügen sich die einzelnen Szenen nicht zu einem großen Ganzen, bleiben seltsam zusammenhangslos nebeneinander stehen. Vielleicht liegt das daran, dass deutlich mehr über die Figur des Prinzen reflektiert, als von ihr erzählt wird. Was nicht zwingend ein Manko sein muss, aber dass hier zwischen Reflektieren und Erzählen unterschieden wird, und sich eines von beiden auf Kosten des anderen durchsetzt, ist durchaus ein Manko und schade dazu. Dieses Ungleichgewicht können irgendwann auch die schönsten Regieeinfälle nicht mehr wettmachen.

Zwei Mal Theater ist viel Stoff für einen Abend, zudem man in der Pause kaum Zeit hat, das Gesehene sacken zu lassen, stattdessen hat man das „Intermezzo mit zwei âventiuren“, bestehend aus zwei Kurzhörspielen mit bewegtem Bild, zu absolvieren. Das ist zwar gut gemeint, aber eindeutig zuviel. Es muss nicht immer was passieren, schon gar nicht in der Pause. Eine warme Suppe und die eigenen Gedanken reichen da als Programmpunkt völlig aus. Man kann das Doppel-Ding machen. Man kann es aber auch sein lassen und zwei Mal ins Theater gehen. Je nach Theaterkondition der über Elfjährigen.

 

Weitere Vorstellungen von "Prinz Eisenherz – Double Feature" am 17. und 18. Februar, sowie am 9. und 10. März

Veröffentlicht am: 16.01.2012

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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Lise
19.11.2012 13:59 Uhr

Es war wunderschön! Eine tolle Inszinierung.

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