Da kann man sich gepflegt in 3-D einlullen lassen: Das Mega-Ereignis "Turandot" an der Staatsoper als vollmundiges Spektakel

von Volker Boser

Wer die Live-Bühnen der späten Pink Floyd gesehen hat, der könnte hier ein Déjà-Vu erleben: Jennifer Wilson (Turandot, Mitte), Ulrich Reß (L'imperatore Altoum). Foto: Wilfried Hösl

Wenn sich Kanalratten – so lautet die Übersetzung von „La Fura dels Baus“ - an eine Oper wie Puccinis „Turandot“ wagen, dann kann es gar nicht ausbleiben, dass sich Widerstand organisiert. Und dennoch: Tolle Bilder, tolle Musik, dazu Sänger, die zwar keine Bäume ausrissen, aber doch weit davon entfernt waren, zu enttäuschen. Da sollte man meinen, dass das genügt, um die bei Premieren der Bayerischen Staatsoper üblichen Missfallenskundgebungen zu bremsen. Doch das Gegenteil trat ein. Am Ende – noch bevor der Beifall einsetzte – gab lautes Buh die Richtung vor, das sich beim Erscheinen des Inszenierungsteams deutlich steigerte.

Vielleicht ja deshalb, weil Staatsopernboss Nikolaus Bachler nach der Selbstdarstellung von Hermann Nitsch in Olivier Messiaens „Saint Francois d´Assise“ erneut szenische Effekte gestattete, die mit dem Stück nicht immer etwas zu tun hatten. Eine eiskalte Prinzessin, die ihr Vergnügen darin findet, potentiellen Heiratskandidaten unsinnige Rätsel aufzugeben, um sie dann bei einer falschen Antwort köpfen zu lassen: was hat dieses Horror-Girl mit dem Disney-Glamour zu tun, den Regisseur Carlus Padrissa, Gründungsmitglied der katalanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“, Roland Olbeter (Bühne), Chu Uroz (Kostüme), Franc Aleu (Videoinstallation) und Urs Schönebaum (Licht) aus dem Hut zauberten?

Doch Hand aufs Herz - die deftigen Chinaklischees Puccinis als tiefsinniges Operndrama zu deuten, wäre wohl ohnehin nur langweilig geworden.

So aber konnte man sich einlullen lassen: von den hübschen Eisprinzessinnen, die über die Bühne schwebten und auch dann nichts von ihrer Grazie verloren, wenn sie einmal hinpurzelten. Das Kontrastprogramm dazu: Breakdance, schwarz vermummte Sensenmänner - und immer wieder Leuchtreklamen mit chinesischen Schriftzeichen. Schließlich befinden wir uns nach dem Willen der Regie in einem Europa des Jahres 2046 unter Chinas Herrschaft. Kein Wunder, dass Turandots hartnäckigster Verehrer, Prinz Calaf, bei der Lösung der ihm gestellten Rätsel auf ein iPad zurückgreift. Wikipedia weiß im Zweifel eben doch mehr.

Das Getümmel auf der Bühne wurde von einem riesigen Auge überwacht. Wenn es vom Himmel schwebte, bekamen die Zuschauer per Übertitel die Anweisung, die zuvor am Eingang ausgehändigte 3-D-Brille aufzusetzen. Der Blick in ein riesiges Kaleidoskop weckte Jugenderinnerungen.

Für Kinofreaks gab es Szenen aus Ridley Scotts „Blade Runner“. Die Wundertüte von Padrissa und Co. war gefüllt mit Geschenken: knallig, bunt und bisweilen reichlich geschmacklos. Aber das war ganz schön aufregend. Denn auch die Musik ist voller Kontraste.

Sie vereint Tragödie, Komödie und groteskes Märchen. Dem Chor kommt eine weitaus größere Bedeutung zu als in den übrigen Werken Puccinis. Wohl auch deshalb waren ihm die überzeugendsten sängerischen Leistungen des Abends zu danken.

Die Titelpartie wurde von der Amerikanerin Jennifer Wilson mit standfester Energie bewältigt, auch wenn die Stimme nicht allzu viel Durchschlagskraft besitzt („In questa reggia“). Marco Berti schmetterte den Pavarotti-Hit „Nessun dorma“ ohne allzu viel Ausdruck in den Saal und rettete sich ansonsten mit Kraft über die Runden. Liù (Ekaterina Scherbachenko) und Timur (Alexander Tsymbalyuk) beeindruckten. Dass keine Personenregie stattfand, war schade, störte aber nicht. Jeder stand an der Rampe und versuchte sein Bestes.

Dirigent Zubin Mehta, zurückgekehrt an seine alte Wirkungsstätte, erwies sich als Glücksfall. Die Chinoiserien der Musik waren bei ihm und dem energisch-lautstark aufspielenden Staatsorchester bestens aufgehoben. Ob Zirkus oder Herzeleid - Atmosphäre stellte sich ein.

Man hatte sich entschlossen, das nach Skizzen des Komponisten nachkomponierte Finale wegzulassen. So endete das Geschehen mit dem Tod der Liu ein wenig abrupt. Aber wer ganz genau hinsah, dem blieben die versöhnlichen Gesten der zuvor so eisig grausamen Turandot nicht verborgen. Also doch ein Happy End, für eine Aufführung, die keiner versäumen sollte, der Oper nicht immer bitterernst nimmt, sondern auch einmal als vollmundiges Spektakel genießen möchte.

 

Anm. d. Red. (6.12.11, 18.30 Uhr): Der Nachname von Jennifer Wilson wurde im Text korrigiert.

Veröffentlicht am: 05.12.2011

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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