Der Zukunft im Jetzt ein Stück näher: Ein Rückblick auf das Spielart-Festival

von Gabriella Lorenz

Schockierender Realismus: „Castle of Dreams“. Foto: Spielart

Spielart, der Marathon des experimentellen Theaters und der Performance, ist zu Ende. Und auch das letzte Stück, "Testament" von "She She Pop und ihre Väter", verhandelte ein Thema, das - obwohl von den Festival-Leitern Tilmann Broszat und Gottfried Hattinger nicht gesucht -, viele Aufführungen dominierte: Die Frage, wie wollen wir leben, und wie kann unsere Zukunft aussehen?

Um die Zukunft ging es explizit in „Tomorrow's Parties“ der britischen Gruppe Forced Entertainment, seit 1997 Dauergast beim Spielart. Der Autor und Regisseur Tim Etchells reduziert hier Theater auf reines Sprechen. Richard Lowdon und Claire Marshall stehen unter einer bunten Glühbirnenkette und stellen Vermutungen über die Welt von übermorgen an. Wird es nur noch Frauen geben, werden wir in Raumschiffen leben oder unter dem Ozean, wird Sex nicht mehr oder überall stattfinden? Die Science-Fiction der Gegenwart prägt den Blick auf die Zukunft, der hier minimalistisch unaufgeregt und darstellerisch virtuos zur Diskussion gestellt wird.

Die Gegenwart selbst löst sich auf in der optisch spektakulären Gesamtkunstwerk-Installation „This Is How You Will Disappear“ von Gisèle Vienne. Ist es ein Mord, der in einem düsteren, nebelumwaberten Wald geschieht? Ist das Training einer Gymnastik-Athletin mit ihrem Coach zwischen den Bäumen eine Art von Gewalt? Horror liegt in allen Bildern, deren bewusste Unschärfe Unheimlichkeit erzeugt. Was hat ein Rockstar hier verloren, warum schlägt ihn der Trainer nieder? Das ist ein dunkles, grausiges Märchen mit faszinierend ausgeklügelten, hochraffinierten Bildwirkungen. Inhaltlich tappt man allerdings auch sehr im Dunkeln.

Der Horror kann auch zu Hause wohnen: Wie leben ein in Weißrussland unter Hausarrest gestellter Oppositionspolitiker und seine Frau mit zwei Sicherheitsbeamten in einer Zwei-Zimmer-Wohnung? Das Teatr.Doc aus Moskau schildert das in „Two In Your House“ mit der lakonischen Skurrilität eines Daniil Charms und einem bizarr-schrägen Dreh am Schluss.

Karnevalsstimmung und militärische Unterdrückung in Kolumbien will das Mapa Teatro aus Bogota in „Los Santos Inocentes“ zusammenzwingen. Zum Fest der unschuldigen Kinder gibt es den Brauch, dass Männer in Frauenkleidern aggressiv mit Peitschen auf Passanten losgehen. Da konfrontieren die Macher eine grell bunte Kostümbude mit dokumentarischen Filmaufnahmen von Widerstand gegen die Paramilitärs. Diese unentschiedene Mischung geht nicht auf und lässt einen ratlos zurück.

Ratlos blieb man auch bei der angeblich interaktiven Installation „GuruGuru“ des Briten Ant Hampton. Fünf Zuschauer als Therapiegruppe sollen den Guru-Anweisungen aus dem Kopfhörer folgen. Bloß wozu? Tut man's nicht, ändert es auch nichts am Ablauf. Richtig ärgerlich war das Konzert „1 : Songs“, das Nicole Beutler mit die Sängerin Sanja Mitrovic inszenierte: Klassische Frauen-Tragödien wie Antigone und Medea in schlechte Lieder gegossen, mit Pathos-Geschrei und Disco-Gehopse garniert. Es brachte jedenfalls manche Besucher zum Leiden.

Fröhliche Chuzpe bewiesen die Mädels Maike Lond und Riina Maidre, die in ihrer Konzert-Performance „Postuganda“ mit viel Leerlauf jede Konvention verweigern und das Publikum frech angehen.

Was von SpielArt diesmal nachhaltig im Kopf bleibt, ist der schockierende Realismus der japanischen Aufführung „Castle of Dreams“ in seiner atemberaubenden artifiziellen Perfektion. Und weit beeindruckender als Romeo Castelluccis Suche nach Gott und sein Ecce Homo in „On the Concept of the Face“ war dieselbe Frage in dem nur scheinbar unscheinbaren Vortrag „Mission“ mit dem fulminanten Bruno Vanden Broecke als Missionar gestellt.

 

17 Tage, 200 Künstler aus 17 Ländern, 100 Veranstaltungen und 9000 Zuschauer: Zufrieden haben sich die Veranstalter über das Spielart Festival 2011 geäußert. Festivalleiter Tilmann Broszat verglich das Festival mit einem Organismus, der sich immer wieder erneuert: „Spielart ist so jung wie nie. Aus den Netzwerken, die seit Jahren ausdauernd geknüpft wurden, erwachsen ganz neue Aspekte und Perspektiven."

 

 

 

Veröffentlicht am: 05.12.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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