Spielart zeigt Romeo Castelluccis provokatives Gottestheater: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Daran ändern auch gelbe Zettel nichts

von Barbara Teichelmann

Regisseur Romeo Castellucci konfrontiert Jesus mit dem menschlichen Leid. Foto: Veranstalter

Vor den Kammerspielen stehen ein paar Christen, beten das „Vaterunser“ und verteilen gelbe Zettel. Darauf steht zu lesen: „Protest gegen die unaussprechlich gemeine Lästerung unseres Herrn Jesus Christus! Durch das Theaterstück ‚Gottes Sohn’“. Glück gehabt. In Paris warfen katholische Fundamentalisten mit Stinkbomben, als dort „On the Concept oh the Face, Regarding the Son of God, Vol.1“ aufgeführt wurde.

Gott, oder sagen wir, das woran einer glaubt, oder eben nicht glaubt, ist eine zutiefst subjektive Angelegenheit. Wohl auch deshalb geraten kritische Äußerungen über Religion – seien es Theaterstücke, Karikaturen, oder Filme – schnell in Gefahr, als persönlicher  Angriff missverstanden zu werden. Also setzt man sich zur Wehr. Stinkbomben sind da noch die nette Variante. Gelbe Zettel riechen noch nicht mal unangenehm, und lesen muss man sie auch nicht, aber auch sie sind das sichtbare Zeichen eines fatalen Irrtums: Das Stück des italienischen Theater- und Filmregisseurs Romeo Castellucci mag vieles sein, aber sicher keine „gemeine Lästerung“. Eher eine radikale Suche nach dem, was bleibt, wenn man das Bild, das wir Menschen uns von Gott gemacht haben, zerstört.

Jesus ist den ganzen Abend allgegenwärtig, ein überdimensionaler Ausschnitt des Gemäldes „Salvator Mundi“ des Renaissancekünstlers Antonello da Messina schwebt über allem, was da passiert auf der Bühne. Das wird kleinen Kindern ja auch gerne erzählt: „Gott ist immer da und sieht alles. Also sei brav.“ Hier läuft es eher umgekehrt: Castellucci hat Jesus aufgehängt, damit der nicht wegsehen kann. Die Bühne ist ganz in weiß gehalten und aufreizend sauber. Das Bett ist weiß, der Tisch ist weiß, der Boden ist weiß, der TV-Tisch ist weiß, die Kissen sind weiß, der Bademantel des Mannes, der auf dem weißen Sofa sitzt, ist weiß, und weiß ist auch sein Bart. Alles sauber, alles rein, alles gut. Der alte Mann sieht fern, auf einem Tischchen in der Mitte des Raumes stehen eine Menge Medikamente. Der Sohn, schon in Anzug und Krawatte, bringt seinem Vater die Tabletten und ein Glas Wasser.

Gott sieht alles, also sei brav

Der erschöpfte Sohn hängt an den Lippen Jesus und wartet vergeblich auf eine Antwort. Foto: Veranstalter

Dann geht es los, der alte Mann macht in die Windeln, der braune Kot befleckt den weißen Bademantel, das weiße Sofa, den weißen Boden, rinnt bis in die weißen Pantoffeln. Der Sohn zieht das Jackett wieder aus und beginnt seinen Vater zu säubern, holt einen Eimer Wasser, zieht Plastikhandschuhe an, wischt und putzt. Der kotbefleckte Körper des Vaters zittert hilflos, und bebt vor Scham, er wiederholt immer wieder die Worte “Scusa mi, scusa mi tanto“, schluchzt und weint. Ein Häufchen Mensch.

Kaum ist er sauber und hat neue weiße Kleider an, geht es wieder von vorne los, der braune Saft läuft und läuft, der Sohn putzt und wischt, der Vater schluchzt und weint, und Jesus schaut stumm zu. Und dann wieder von vorne. Irgendwann brechen beide, Vater und Sohn erschöpft weinend zusammen, das braune Zeug klebt überall. Der Sohn presst sein Gesicht gegen Jesus Lippen, aber die bleiben stumm.

Gibt es einen Gott hinter dem Bild, das wir uns von ihm gemacht haben? Foto: Veranstalter

Soweit der erste Teil der Provokation. Im zweiten Teil wird Jesus, beziehungsweise sein Bild selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung. Jugendliche werfen mit Handgranaten nach ihm. Aber so einfach lockt man Jesus nicht aus der Reserve, er ist es schließlich gewöhnt zu leiden, auch dass man nach ihm wirft. Er bleibt stumm und lässt es geschehen. Ein Körper drückt sich von hinten gegen die Leinwand, und Jesus verzieht das Gesicht. Immerhin. Am Ende wird das Bild zerstört und dahinter steht „You are not my shepherd“ zu lesen. Wobei das „not“ als einziges Wort nicht in Leuchtbuchstaben gesetzt ist. Also gibt es zwei Lesarten, und welche man sehen mag, hängt nicht nur von der Leuchtkraft ab.

Was passiert, wenn man ein Bild zerstört?

Mach' kaputt, was Dich kaputt macht, und schaut dann mal, was von Dir übrig bleibt. Das könnte Castelluccis Motto gewesen sein.  „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio“, so der Originaltitel, ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Gott und der Welt. Und mit welcher Wucht und Ausdauer er sich in diese Suche wirft, nach dem was da vielleicht ist hinter diesem Bild von einem Gott, ist beeindruckend. Wo ist er denn, dieser Gott, der angeblich immer da ist und alles sieht? Warum lässt er uns leiden? Warum spricht er nicht zu uns? Warum tut er nichts?

Die Fragen, die der italienische Regisseur in dieser Theaterperformance stellt, sind naiv und gerade deshalb glaubwürdig. Wie ein kleiner Junge stellt er sich vor das allmächtige Bild und provoziert auf Teufel komm raus, arbeitet sich ab an dieser stummen Allmacht und kommt natürlich zu keinem Ergebnis, was ja auch ein Ergebnis ist. Aber eines steht dann doch fest am Ende dieses Abends: Wer glaubt, man müsse dieses Theaterstück boykottieren, der sollte sein Bild von einem Gott noch mal überdenken. So klein ist er nicht, wenn es ihn denn gibt. Er hält das schon aus, wenn man nach ihm sucht. Und sei es mit Handgranaten in der Hand.

 

Text wurde am 29.11. nach einem Leserhinweis geändert: Die Jugendlichen in dem Theaterstück warfen mit Handgranaten und nicht mit Steinen nach dem Bild.

 

 

 

Veröffentlicht am: 27.11.2011

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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